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Kunst als Waffe: Aufstand und Revolution auf der documenta fifteen

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Von: Leonie Krzistetzko

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Aufstand zum Mitmachen: Der Panzer von Taring Padi im Hallenbad Ost.
Aufstand zum Mitmachen: Der Panzer von Taring Padi im Hallenbad Ost. © Mark-Christian Von Busse

Von Revolution und Aufstand handeln viele Werke der documenta fifteen. Der Querschnitt zeigt, welche Kunstschaffenden ihre Kunst als Waffe nutzen.

„Alles ist Kunst, alles ist Politik“, hat der chinesische Konzeptkünstler und documenta-12-Teilnehmer Ai Weiwei seine Arbeit beschrieben. Und auch auf der documenta fifteen sind viele Werke explizit politisch. Sie zeigen Revolutionsgedanken und Aufstände, diskutieren Unterdrückung, Proteste und die Inbesitznahme von Land. Der Querschnitt zeigt, welche Kunstschaffenden sich dem Themenspektrum widmen und wie sie ihre Kunst als Waffe gegen Ungerechtigkeit einsetzen.

Aufstand und Revolution auf der d15: Demonstrationskunst

Im Hallenbad Ost zeigt das indonesische Kollektiv Taring Padi dutzende Banner, Pappfiguren und Plakate, die soziale Missstände in Indonesien thematisieren. Seit fast 25 Jahren kritisiert das Kollektiv diese Probleme in seiner Kunst und beteiligt sich aktiv an Protesten und Solidaritätsaktionen.

Sie selbst empfinden „Kunst als Katalysator sozialen Wandels“, wie es die documenta fifteen schreibt, und arbeiten eng mit Menschen außerhalb ihres Kollektivs wie beispielsweise Migranten und Straßenkünstlern zusammen, um gemeinschaftlich Werke entstehen zu lassen, die sich sozialpolitischen Themen widmen. Wer durch das Hallenbad Ost und über den Vorplatz schlendert, wird Agitprop-Werke finden, die Militär, Kapitalismus und Korruption kritisieren, aber auch Armut und Gewalt an Frauen.

Am Hallenbad Ost: Aufsteller von Taring Padi.
Am Hallenbad Ost: Aufsteller von Taring Padi. © Schachtschneider, Dieter

Damit prangern die Künstler viele Formen der Unterdrückung an und geben dieser Kritik einen Raum. So machen sie sich die Kunst zunutze, die Aufmerksamkeit schaffen kann, und verweben ihr künstlerisches Schaffen eng mit politischem Aktivismus. Herzstück des Ausstellungsraumes im Hallenbad Ost ist ein Panzer, auf dem die Besucher ihre Gedanken niederschreiben können – hier reihen sich Statements wie „No War“, „Friede für alle“ und „Fuck Putin“ an Forderungen wie „Kein Sexismus“ und „Trans Rights“. Auch diese Forderungen von Besuchern bekommen damit eine Plattform – sie werden Teil des Protests.

Protest im europäischen Kontext thematisiert das dänische Kollektiv Trampoline House, das die Flüchtlings- und restriktive Asylpolitik des Landes kritisiert. Das Kopenhagener Gemeinschaftszentrum hat ab 2010 viele Angebote für Geflüchtete wie Sprachkurse, Workshops und Rechtsberatungen bereitgestellt, bis es 2020 aufgrund mangelnder Finanzierung geschlossen werden musste. Anfang dieses Jahres wurde es wiedereröffnet und ist nun auf der documenta fifteen vertreten.

Im Hübner-Areal: Protestplakate.
Im Hübner-Areal: Protestplakate. © Privat

Den größten Ausstellungsplatz nimmt das Kollektiv dabei im Hübner-Areal ein, wo es in der „Castle of Kassel“ über die Asylpolitik Dänemarks aufklärt und unter anderem Protestplakate zeigt. Es ist eine andere Art von Protest als bei Taring Padi – The Trampoline House prangern die Missstände leiser an, beispielsweise durch Workshops und Aufklärungsarbeit und nutzen Mittel der Kunst nur am Rande.

documenta 15: Diskussion um Land

„We want Land, not Handouts“ schreit es dem Betrachter auf dem Plakat eines gemalten Aborigine-Aktivisten auf einem der Gemälde des australischen Künstlers Richard Bell entgegen.

Auf seinen Gemälden im Fridericianum und in seiner „Tent Embassy“ auf dem Friedrichsplatz geht es um die Forderung der Aborigines nach Land, das ihnen durch die Kolonialisierung des Kontinents weggenommen wurde. Damit sind Bells Kunstwerke wohl die Exponate, die auf der documenta fifteen am deutlichsten die Frage danach aufwerfen, wem Land zusteht. Bell, der seit den 1970er-Jahren als Aborigine-Aktivist in Erscheinung tritt, zeigt in seinen Gemälden Proteste der indigenen Bevölkerung Australiens gegen die Regierung und übt scharfe Kritik an Rassismus und Diskriminierung. Mit seiner Malerei gibt er diesem hochpolitischen Thema einen Platz in einem klassischen Setting.

Im Fridericianum: Gemälde zu einem Aborigine-Protest von Richard Bell.
Im Fridericianum: Gemälde zu einem Aborigine-Protest von Richard Bell. © Andreas Fischer

„Dass ich in der Kunst alles sagen und tun kann, was ich will, ohne verhaftet zu werden, war für mich attraktiv“, hat er im Interview unserer Zeitung gegenüber erwähnt. Auch Bells Zähler-Installation „Pay the Rent“ am Dach des Fridericianums widmet sich unbezahlten Schulden der Regierung bei den Aborigines, die unter anderem aus Preisen für Grundstücke resultieren.

Auch die Werke von The Question of Funding, die in der Werner-Hilpert-Straße 22 ausstellen, kreisen um die Diskussion um Land. Die Künstler des palästinensischen Kollektivs Eltiqa, das von The Question of Funding eingeladen wurde, erzählen den Nahost-Konflikt aus eigener israelkritischer Perspektive. Deshalb war beispielsweise ihre Präsentation der „Guernica Gaza“-Reihe von Mohammed al Hawajri seit Eröffnung der d15 umstritten. Denn Al Hawajri nutzt bekannte Gemälde wie von Van Gogh und montiert auch Bilder der israelischen Armee hinein.

Umstritten: Bildmontage von Mohammed Al Hawajri.
Umstritten: Bildmontage von Mohammed Al Hawajri. © Pia Malmus

Er spielt ganz eindeutig mit dem Thema der Revolution: Eine seiner Arbeiten basiert auf dem Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ von Eugène Delacroix, das die Julirevolution in Frankreich von 1830 zum Thema hatte. In seiner Fassung geht es um den Aufstand Palästinas.

Die Archive auf der documenta fifteen: Stiller Aufstand

Auch die Archive, die sich im Fridericianum präsentieren, zeigen Aufstandsgedanken in ihren jeweiligen Heimatländern, jedoch dokumentarisch statt künstlerisch. So auch die Archives des luttes des femmes en Algérie. Die algerische Initiative wurde 2019 gegründet und dokumentiert die Frauenbewegung seit der Unabhängigkeit Algeriens 1962. Sie präsentiert ihre feministische Dokumentation nüchtern. So liegen auf einem Tisch zahlreiche, auch arabischsprachige Publikationen. Das macht es schwer, in die Thematik einzutauchen.

Zugänglicher zeigen The Black Archives aus Amsterdam ihre Exponate, die von Kämpfen surinamischer Aktivisten gegen Rassismus und Kolonialisierung erzählen. Dafür verwenden sie Bücher, Filme, Bilder sowie Erklärtexte und schlagen beim Themenfeld Rassismus auch die Brücke nach Deutschland und Kassel.

Es ist eine unaufgeregte Art, in der die Archive über Aufstand und Revolution berichten. Sie zeigen jedoch, wie unterschiedlich ein so intensives und emotionales Thema auf der documenta fifteen gezeigt werden kann.

Das Bücherregal zeigt eine Sammlung verschiedener Bücher wie zu Rassismus und Schwarzem Feminismus.
Das Bücherregal der Black Archives zeigt eine Sammlung verschiedener Bücher wie zu Rassismus und Schwarzem Feminismus. © Fischer, Andreas

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