Documenta-Künstler sind mit ihren Arbeiten auch in Kauf- und Modehäuser der Innenstadt eingezogen

Kunst-Schnitzeljagd im Kaufhaus

Pyramide fällt nicht gleich als Kunstwerk auf: Roland Timmig (links) und Herbert Hubrich diskutieren über das Objekt von Künstlerin Renata Lucas im Untergeschoss der Galeria Kaufhof. Fotos:  Koch

Kassel. Auch in Kasseler Mode- und Kaufhäusern werden einzelne Werke der documenta gezeigt, doch manche sind gar nicht so leicht zu entdecken. Sind Kunden aber erst einmal darauf gestoßen, entspinnen sich prompt Gespräche über die Kunst.

So etwa im Tiefgeschoss der Galeria Kaufhof. Angrenzend an Schreib- und Süßwaren ragt raumhoch die Basis einer schlichtgrauen Pyramide aus der Wand. Der flüchtige Passant könnte sie für eine Dekorationsidee von Ladenbauern halten – zumal außer einem gelben documenta-Plakat, wie sie jetzt überall in der Stadt hängen, nichts auf die Arbeit von Renata Lucas hinweist.

Neben ihr sucht ein älteres Ehepaar nach einem Fotoalbum, andere Kunden stöbern in den Auslagen, ohne dem grauen Klotz einen Blick zu schenken. Das ändert sich, als ein Mann im kunstkompatiblen Outfit das Objekt unter die Lupe nimmt und prüfend auf den Gipskarton klopft.

Roland Timmig gehört zu den „Worldly companions“, den ehrenamtlichen Kunstbegleitern der d 13. Er ist privat unterwegs, doch sogleich von einigen Kunden umstanden, denn er weiß Interessantes über das Werk zu erzählen: dass die Pyramide im Fridericianum und an weiteren Orten eine dezentrale Entsprechung habe, dass die Argentinierin damit sozusagen den städtischen Raum aufbrechen wolle.

Herbert Hubrich ist froh über die zufällige Begegnung. Der Wilhelmshöher hatte sich schon umgeschaut, wo sich im Kaufhof wohl die Kunst verbergen mag. „Ich dachte gleich, das gehört da nicht hin“, sagt Hubrich, der in diesen Tagen nie ohne Kamera in der Stadt unterwegs ist. Zwei Damen verfolgen das Gespräch der beiden interessiert. „Sind Sie denn der Künstler?“, erkundigt sich eine bei Roland Timmig.

Kunst zum Anziehen: Model G. T. Pellizzi ist ein Bekannter des Künstlers Seth Price, im Hintergrund Sinn-Leffers-Mitarbeiter Thomas Averkamp.

Auch ins benachbarte C & A ist die Kunst eingezogen – ein karg gestaltetes Geschoss des Verbindungsbaus zur Königsgalerie hin bespielt Cevdet Erek mit Klanginstallationen. Auch ohne documenta-Ticket hat jeder Interessierte Zutritt, und zwar von mehreren Eingängen aus, die sich auch C & A-Führungskraft Nicole Meiß erst alle erschließen muss. Unter anderem kann man im hinweislosen Hauseingang Neue Fahrt 12 in den Fahrstuhl steigen und findet darin ein unscheinbares Etikett „documenta 13“ am Knopf zur 2. Etage. Gelesen, gedrückt – schon steht man im Nebel der Töne. „Das ist ein bisschen wie Schnitzeljagd“, sagt Nicole Meiß.

Bei Sinn Leffers stößt der Kunde auf extravagante weiße Mode, die von den Künstlern Seth Price und Tim Hamilton gestaltet wurde und die man auch kaufen kann. 30 bis 40 Teile durfte Geschäftsleiterin Sabine-Amélie Alt ins Angebot nehmen, pro Tag findet nach ihren Angaben etwa eines einen Käufer.

Für einen Overall oder eine lange Jacke muss man um die 600 Euro anlegen, hat dann aber echte documenta-Kunst im Schrank hängen.

Längst nicht jeder Sinn-Leffers-Besucher wird darauf aufmerksam, dass auch die Hintergrundmusik im Haus ein documenta-Kunstwerk ist. Gabriel Lester hat sie aus Stummfilm-Musik gestaltet und neu arrangiert.

Von Axel Schwarz

Quelle: mydocumenta

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