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documenta-Schiff wird am Kasseler Hafen zur Besucherfähre

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Von: Katja Rudolph

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Marke Eigenbau: Die „Citizenship“ ist nach einer Zwangspause wegen eines Defekts wieder unterwegs und legt jetzt einen Zahn zu, um doch pünktlich am 22. Juli in Kassel anzukommen. Das Bild entstand auf dem Elbe-Havel-Kanal bei Hohenwarthe.
Marke Eigenbau: Die „Citizenship“ ist nach einer Zwangspause wegen eines Defekts wieder unterwegs und legt jetzt einen Zahn zu, um doch pünktlich am 22. Juli in Kassel anzukommen. Das Bild entstand auf dem Elbe-Havel-Kanal bei Hohenwarthe. © Kunstrepublik/NH

Das Kunstschiff „Citizenship“ hat nach einer unfreiwilligen Pause wegen eines Lecks seine Fahrt nach Kassel fortgesetzt.

Kassel – Am Montagabend, 4. Juli, wird das schwimmende documenta-Projekt voraussichtlich in Minden die Weser erreichen. Anfang Juni war das ungewöhnliche Gefährt in Berlin gestartet. Die Citizenship ist im Prinzip ein umgedrehtes und zum Floß umgebautes altes Satteldach.

Um die durch die Reparaturarbeiten verlorene Zeit wieder aufzuholen, hat die Crew um das Künstlerteam des Berliner Zentrums für Kunst und Urbanistik (ZK/U) ihre Anstrengungen verdoppelt: Statt fünf Stunden versuche man nun täglich zehn Stunden zu fahren, berichtet Matthias Einhoff vom ZK/U im Telefonat mit der HNA.

Wie berichtet, war an drei Schwimmkörpern des Boots Wasser eingetreten. Das Wasser sei dann auch in den Motorraum gelaufen, sagt Einhoff, wo es weiteren Schaden anrichtete. „Jedes Boot ist ein Individuum, sagt auch der Schiffsbauer“, so der Berliner Künstler. „Man muss es erst kennenlernen.“ Mit den Schwächen der Citizenship habe man nun Bekanntschaft gemacht.

Vor allem aber habe man im vergangenen Monat die Stärken zu schätzen gelernt: „Das Boot ist ein Kontaktmacher“, sagt Matthias Einhoff. Es sehe so skurril aus, dass man mit jedem darüber ins Gespräch komme.

Wegen der Panne mussten leider einige Stopps der Citizenship auf ihrem Weg abgesagt werden, bedauern die Organisatoren. Kassel als Ziel ist aber natürlich gesetzt. Den ursprünglich geplanten Ankunftstermin am 22. Juli hatten die Schifffahrer wegen der Turbulenzen zwischenzeitlich schon abgeschrieben. Nun sehe man wieder die Chance, es doch noch pünktlich in die documenta-Stadt zu schaffen, sagt Einhoff, der auch schon an der Kasseler Kunsthochschule lehrte.

Die Citizenship-Crew hofft auf wenige Regentage, denn das Boot ist teilweise solarbetrieben. Ansonsten hilft nur Muskelkraft: Acht Fahrräder kurbeln die Schiffsschraube an. Allerdings läuft derzeit auch die Tretanlage nicht ganz rund. „Wir haben ein paar kleine Challenges“, formuliert es Einhoff.

Eine Herausforderung für das Kunstprojekt bedeutet auch die Kasseler Schleuse. Inzwischen ist klar, dass das Boot sie nicht passieren kann. Dass die Schleuse wegen der Sanierung nicht in Betrieb sein würde, habe man von Anfang an gewusst, sagt der Künstler. Geplant war allerdings, das Boot mit einem Wagenkran umzuheben. Am Hiroshima-Ufer, wo bereits eine zu dem documenta-Projekt gehörende Installation steht, sollte das Schiff dann wieder umgedreht und zum Dach aufgebaut werden, so der ursprüngliche Plan. Doch der geht nicht auf, denn die Baustelleneinrichtung für die Schleuse lasse für den großen Kran keinen Platz.

Eine andere Lösung umzusetzen, etwa mit einem Schwertransport, wäre sehr aufwendig, sagt Einhoff. „Das erschien uns unverhältnismäßig und würde nicht mehr zu unserer Idee passen.“ Also wird die Citizenship unterhalb der Schleuse im Kasseler Hafen anlegen – und dort als Fährschiff verkehren. Man wolle das Boot mehrere Stunden am Tage zum gegenüberliegenden Ufer pendeln lassen. An Bord könnten Besucher die vielen „Artefakte der Reise“ kennenlernen, verrät Einhoff.

Unter anderem hat die Künstlerin Lea Søvsø aus unterwegs gespendeten Stoffen Uniformen für die Schiffsbesatzung genäht. Ein Künstlerkollektiv aus Berlin hat aus ausrangierten Bauteilen Upcycling-Instrumente gebaut. Und auf dem Boot wird ausschließlich aus Schalen gegessen, für deren Herstellung Sand vom Gelände des ZK/U verwendet wurde. Klingt nach jeder Menge Gesprächsstoff für das Kasseler documenta-Publikum. (Katja Rudolph)

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