Das müssen Kunstvermittler bei der d14 auf sich nehmen

Kunst macht Arbeit: Wie ich einmal Teil der documenta werden wollte

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Vor fünf Jahren hießen die Vermittler Worldly Companions: Benjamin Kiel (hinten Mitte) mit Besuchern der documenta 13 auf der Kasseler Karlswiese.

Unsere Autorin wollte Kunstvermittlerin bei der documenta werden. Genommen wurde sie nicht, doch das Bewerbungsverfahren zeigt, dass man sich die Arbeit bei der d14 erst einmal leisten können muss.

Ich bin das Buch ganz rechts in der Ecke. Ich versuche, nach hinten gelehnt mit gebogenem Buchrücken irgendwie papierseiten aufgeschlagen auszusehen. Eine junge Frau mit Wollmütze spielt die Leserin, die mich mit beiden Händen festhält und interessiert meinen Oberkörper studiert. Mit diesen Verrenkungen, ein lebendes Gemälde als Gruppenaufgabe, habe ich vor zwei Wochen versucht, mich als kompetent für die Vermittlungsabteilung der documenta 14 zu erweisen.

Seit knapp sechs Jahren gebe ich in Berlin Führungen in zeitgenössischen Kunstausstellungen (eine Erfahrung, die sich manchmal wie ein Blick auf alle wichtigen Themen der Gegenwart und manchmal wie wortreiche Hochstapelei anfühlt). Also fühlte ich mich gewappnet, im Sommer 2017 eine sogenannte „Choristin“ zu werden, die die documenta-Besucher auf unterschiedlich langen Spaziergängen vielstimmig begleiten sollen. Die Bewerbung läuft nicht über die documenta selbst, sondern über das Online-Portal einer Recruiting-Agentur, die auf ihrer Webseite zahnweiß lächelnde „Experts“ präsentiert und sich selbst als einen der führenden Personaldienstleister in Deutschland vorstellt.

Mit der Vita von freischaffenden Kunstvermittlern (die einen Großteil der Interessenten ausgemacht haben dürften) wirkt das Portal ein wenig überfordert. Keine der vorgegebenen Optionen zur Berufserfahrung passt auf die Tätigkeit, um die es bei der documenta gehen soll. Die Wahl fällt schließlich auf „Kunst und Kunsthandwerk“.

Alle Infos zur documenta findet ihr auch hier in einem Spezial auf HNA.de

Einige Wochen später ein unvermittelter Anruf: 20 Minuten Telefoninterview aus dem Stand, auf dem Weg zur Bahn in einem geräuschgedämmten Hauseingang. Wer hier überzeugt, wird Anfang Januar zum Gruppengespräch eingeladen. Über 1000 Bewerber, sagt der nette Mann am Telefon, außerdem fühlt er schon mal vor, ob man sich denn bis Juni sechs unbezahlte Workshop-Wochenenden in Kassel freihalten könne (Anreise und Übernachtung sind Privatsache, für einen weiteren Termin in Athen sollen zumindest die Flugkosten übernommen werden).

Nun ist die Kulturbranche wahrlich kein Ort für Goldgräber und Porsche-Fahrerinnen. Es gibt renommierte Ausstellungshäuser, die für Führungen ganze zehn Euro pro Stunde zahlen und in Berlin sitzen gefühlt 85 Prozent der jungen Kunstwissenschaftlerinnen unterbezahlt an Galerieschreibtischen. Trotzdem macht diese Chor-Bedingung stutzig. Eine Mitbewerberin wird es später Elitismus nennen. „Das muss man sich erstmal leisten können, so zu arbeiten.“

Führte die Besucher der documenta 13 zum Schrotthaufen am Kulturbahnhof: Worldly Companion Anne-Kathrin Auel.

Ich sage trotzdem ja. Der Name documenta überstrahlt vieles. Um die 300 Aspiranten schaffen es zum Auswahlgespräch in Kassel. Eine Woche lang wimmelt es um das Palais Bellevue an der Schönen Aussicht von hervorragend angezogenen Menschen, die in Kleingruppen zum Interview gebeten werden. In meiner Gruppe sind wir zu acht, schon die Vorstellungsrunde offenbart, dass der Raum vor Kompetenzen und guter Ausbildung zu platzen droht. Wir haben alle eine E-Mail mit zehn Bildern bekommen. Zu einem davon präsentieren wir nacheinander ein zweiminütiges Gesprächsangebot.

Ich rede über Gemälde von hinten und Raubkunst und komme in der kurzen Zeit nicht annähernd dahin, wo ich eigentlich hinwollte (zur Relevanz des Falls Cornelius Gurlitt, der Adam Szymczyk sehr beschäftigt hat). Danach stellen wir uns als lebendes Courbet-Gemälde auf, ich als Buch ganz rechts in der Ecke, und dann ist das Auswahlverfahren auch schon beendet. 

Worldly Companion im Einsatz: Camilla Geier (rechts) 2012 mit ihren Zuhörern vor der Orangerie.

Die Gruppe kann nun eigene Anliegen anbringen, doch die vielleicht naheliegendsten Fragen werden höchstens vage beantwortet. Etwa: Wie viele Führungen bekommt jedes der letztlich 150 Chor-Mitglieder? Lohnt es sich bei 35 Euro die Stunde (frei schaffend auf Rechnung) überhaupt, für einen Sommer nach Kassel zu ziehen? In den Tagen nach dem Gespräch rede ich mit verschiedenen Berliner Menschen, die ebenfalls in Kassel waren (es scheint, als habe sich die halbe Hauptstadt beworben). Der Tenor ist immer derselbe: documenta wäre toll, aber sechs Mal unbezahlt nach Kassel und keine Sicherheit, wie viel man verdienen kann?

Ich muss mir die Frage nun nicht stellen, weil eine knappe Woche später eine nette Standardabsage im Postfach eintrudelt. Das ist okay. Dafür haben sie sicher ihre Gründe. Aber mich lässt der Gedanke nicht los, dass bei einer staatlich geförderten Ausstellung, die sich so betont kapitalismuskritisch gibt wie die d14, auch der Umgang mit den eigenen Mitarbeitern zur Geschichte gehört. „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“, hat Karl Valentin mal gesagt. Noch schöner wäre es, wenn man bei all der schönen Kunst die Arbeit nicht aus dem Blick verliert.

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