Lady Gaga der documenta: Carolyn Christov-Bakargiev im Porträt

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Kunstphilosophin und Diva: documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev lädt die Welt nach Kassel ein.

Kassel. Sie philosophierte über das Wahlrecht für Erdbeeren, legte sich mit der Kirche an und verschliss in kurzer Zeit mehrere Pressesprecher. Manche nennen Carolyn Christov-Bakargiev schon die „Lady Gaga des Kunstbetriebs“.

Und trotzdem ist die Vorfreude auf die von ihr kuratierte documenta 13 riesengroß. Wir erklären, warum sich an der Leiterin der Kunstschau die Geister scheiden.

Die Chefin

Ungeachtet der inhaltlichen Offenheit ist Christov-Bakargiev als Chefin eine eiserne Lady. Sie will alles bestimmen. Alles. Am liebsten auch das komplette Geschehen in Kassel neben der documenta - was für den größten Vorab-Konflikt der d13 gesorgt hat: den Wirbel um ihre ungeschickten Aussagen zur Ausstellung von Stephan Balkenhol in der benachbarten Elisabeth-Kirche. Sie zeigte sich „geschockt“ über die Skulptur im Turm und zog dafür Häme auf sich. Das Chefinsein bis zum Kontrollzwang brachte auch Konflikte mit ihrem Team: Zwei Pressesprecher hat sie bereits vergrault.

Die Diva

Ohne Eitelkeit geht so ein Job nicht. CCB bringt Glamour und auch eine gute Portion Exzentrik nach Kassel. Wie ein Hollywood-Star posiert sie stets mit Hündin Darcy im Arm, bis in die lackierten Zehennägel ist die Erscheinung durchkomponiert. Zum großen Auftritt gehört auch, dass sie sich (gern mehrere Stunden) verspätet und Gesprächspartner warten lässt. Es werden sogar Geschichten verbreitet, dass sie bei Terminen einen Ruheraum fordert, in dem sie sich vorab entspannen kann. So wird Wichtigkeit inszeniert.

Die Moralistin

„Make it real“ lautete einst ein Slogan von Coca-Cola. Die documenta 13 wird sich eingehend mit der Frage beschäftigen, wie eine nachhaltige Welt wahr werden kann. Deshalb hat Christov-Bakargiev den Brause-Giganten und anderes Cola-Gesöff von den Getränkeständen verbannt. Manche verglichen das Verbot mit einer Öko-Diktatur. Als Leiterin einer globalen Kunstschau lebt Christov-Bakargiev zwangsläufig in Widersprüchen: Sie fordert ökologisches Handeln und jettet durch die Welt. Sie kritisiert den Kapitalismus und muss Sponsoren gewinnen.

Die Ehrgeizige

Christov-Bakargiev verlangt nicht nur von ihren Mitarbeitern viel, sondern auch von sich selbst. Ganz unbescheiden formulierte sie zuletzt das Ziel, mehr als eine Million Besucher nach Kassel holen zu wollen. Das wäre ein Viertel mehr als beim Rekord vor fünf Jahren. Grenzen des Wachstums scheint Christov-Bakargiev für sich und ihre d13 nicht zu kennen. Dabei ist die documenta doch kein Olympia.

Die Philosophin

Dass es der documenta-Chefin nicht nur um die menschliche Perspektive auf die Welt geht, wurde schon früh deutlich, als sie einen Meteoriten von Argentinien nach Kassel holen wollte - was die dortigen Einwohner verhinderten. Inzwischen hat ihre Kritik an einem menschenzentrierten Weltbild Christov-Bakargiev in philosophische Höhen getragen, in die ihr nur noch wenige folgen können. Entsprechend daneben ging ihr Versuch, in einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“ ihre Gedanken anhand von einfachen Beispielen zu erläutern. Es bleibt ihr Geheimnis, warum sie da über ein Wahlrecht für Hunde und Erdbeeren spekulieren musste. So schnell kann Philosophie auf den Hund kommen.

Von Bettina Fraschke, Werner Fritsch und Matthias Lohr

Quelle: mydocumenta

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