Mein Lieblingskunstwerk: Jeanno Gaussis traurige, in Öl gemalte Familienbilder

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Wer waren diese Menschen? Mithilfe eines Schildermalers will Jeanno Gaussi dem Geheimnis auf die Spur kommen.

Im hintersten Raum im ehemaligen Elisabeth-Hospital an der Obersten Gasse bekommt das Schicksal der Menschen in Afghanistan ein Gesicht – eines mit toten Augen. Zehn Ölgemälde hängen dort, sie zeigen Menschen mit dunklen Haaren, Erwachsene und Kinder, Kleidung und Frisuren sind lange aus der Mode gekommen.

Die Bilder scheinen im düsteren Raum zu schweben, so stark leuchten die Farben, auch dank geschickter Beleuchtung. Gemalt hat sie der Maler Ustad Sharif Amin. Normalerweise fertigt er in Kabul Werbetafeln und Auftragsarbeiten. Fotorealistisch sind seine Bilder nicht. Manchmal sind sie ein bisschen schief, die Proportionen sind nicht immer realistisch, die Porträtierten starren mit leerem Blick in den Raum. Und doch kann ich mich nicht von ihnen abwenden. Wer sind diese Menschen? Was ist aus ihnen geworden?

Die Antwort bleibt aus, obwohl sie auch für die verantwortliche Künstlerin Jeanno Gaussi von größtem Interesse wäre. Die gebürtige Afghanin, die in Berlin lebt, kennt die Porträtierten nicht – obwohl die Fotovorlagen aus ihrem Familienalbum stammen. 1978 hatte Gaussi Afghanistan verlassen müssen, ihre Eltern folgten Jahre später. Auf der Flucht retteten sie 30 Fotografien, die für Gaussi immer zusammenhanglos blieben. Warum sie von ihren Eltern keine Informationen bekam, das verrät der Begleittext von „Family Stories“ leider nicht.

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2008 traf Gaussi, eigentlich Videokünstlerin, in Kabul auf Ustad Sharif Amin und seine Auftragsarbeiten, auf einen, der die Menschen Afghanistans sehr gut kennt. Gaussi bat Amin, ihr bei der Entschlüsselung der Fotos zu helfen und sie in Öl zu malen. Wie ein Profiler erklärt er in Gaussis begleitender Videoinstallation, welche Schlüsse er aus Kleidung, Frisuren, Gesichtsausdruck und Körperhaltung zieht. Seine Anekdoten sind lebendig, als hätte er die Personen gekannt. Sie sind in kleine Metallschilder eingeprägt, die vor den Bildern stehen und schwer zu lesen sind. Man muss sich geschickt ins Licht stellen, um sie entziffern zu können. Eine Spurensuche.

Ein Bild zeigt einen Jungen in Jeansjacke. Seine Eltern hätten viel Ärger mit ihm gehabt. „Ob er sagen kann, ob es so war oder nicht?“, fragt Amin. „Das weiß nur Gott.“ Ich bleibe allein vor den Bildern zurück und frage mich: Wer waren diese Menschen wirklich? Was ist aus ihnen geworden?

Friederike Szamborzki (27), Volontärin, Kulturredaktion

Quelle: mydocumenta

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