Lieblingskunstwerk der documenta: Staubsauger-Video "Dust Channel"

Hygienewahn trifft Flüchtlingspolitik: Der israelische Künstler Roee Rosen hat eine surreale Operette um Staubsauger und die Angst vor dem Fremden geschaffen, für die man im Palais Bellevue lange anstehen muss. Foto:  d14/nh

Roee Rosens Video „The Dust Channel“ (2016) fesselt mit seiner surrealen Mischung fiktiver und dokumentarischer Erzählstränge und bringt einen immer wieder zum Lachen.

Vordergründig dreht sich alles um Staubsauger. Abseitige Sequenzen, vermutlich aus den Tiefen des Internets gefischt, geben Einblick in sexuelle Praktiken mit den elektrisch betriebenen Reinigungsgeräten – vom Besaugen von Eichel und Vagina hin zu sadomasochistischen Partnerübungen.

Aufnahmen von Belastungstests aus der Produktion zeigen wiederum, was ein Staubsauger sonst noch so alles aushalten können muss. Wo das Putzen zur Obsession wird, entblößt sich auch die körperliche Leidenschaft: Eine Putzfrau, gekleidet wie ein Dienstmädchen eines dekadenten Anwesens, führt lustvoll-erregt den Bogen eines Streichinstruments in den Container des geöffneten Staubsaugers.

Wenn beim Zähneputzen ein Matschfleck am Waschbeckenrand inspiziert wird, der wie eine deplatzierte Ausscheidung schließlich von der Protagonistin geleckt wird, prallen übertriebene Hygiene und Angst vor jeglicher Kontamination barsch aufeinander. Ein Ballett aus Roboterstaubsaugern zeigt wiederum die Ästhetik im Banalen.

Hintergründig wechseln die komischen und absurden Szenen abrupt mit ernsthaften politischen Einordnungsversuchen. Der israelische Künstler scheint mit Blick auf das in der Negev-Wüste gelegene Internierungslager Holot, hebräisch für Sand, folgende Frage aufzuwerfen: Wird der Flüchtling zum Sandkorn in der Wüste gemacht, weil er die Reinheit des Volkes beschmutzen könnte?

Durch Kameraführung und Schnitt besitzt das documenta-Werk eine cineastische Qualität, die visuell opulente Montage beinhaltet zudem filmische Anspielungen: Der Schnitt durch das Gelb des Spiegeleis erinnert an den vermeintlichen Schnitt durch das menschliche Auge aus Luis Buñuel und Salvador Dalís Film „Un chien andalou“ (Ein andalusischer Hund).

Auch die Musik, unter anderem begleitet von Kontrabass und Cembalo, macht gute Laune: Der Dyson-Staubsauger im Zentrum perfekt vorgetragener Arien, in denen die Erfindung als „glorioser als Michelangelos Sixtinische“ besungen wird. Das Libretto haucht dem Gerät regelrecht den Odem ein: „Atme, Dyson, Seven. Ein, ein, ein, sauge“. Profaner kann ein Oratorium kaum sein.

Der 1963 in Rehovot, Israel, geborene Roee Rosen ist mit einer weiteren Arbeit in der Grimmwelt vertreten: In „The Blind Merchant“ (1989-91) bezieht er sich auf 145 Blättern, teilweise blind zeichnend, auf Shakespeares „Kaufmann von Venedig“. Dieses Werk ist bisher ohne Warten zugänglich. Der Zugang zum oberen Stockwerk des Palais Bellevue ist jedoch aus Brandschutzgründen auf 20 Personen begrenzt. Dadurch ist die Wartezeit häufig länger als die Laufzeit des Videos selbst.

Weil man nach 23 Minuten „Dust Channel“ gut und gerne weiterschauen kann, könnte es durchaus sogar noch länger dauern. Ich bitte die Schlange Stehenden also schon jetzt um Verständnis, falls ich noch einmal sitzen bleiben sollte.

Alle documenta-Lieblingskunstwerke als Übersicht

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.