Auch Rauchpartikel sind Kunst

Lieblingskunstwerke der documenta 14: Film „77sqm_9:26min“ stellt Fragen zum Yozgat-Mord

+
Rekonstruktion des 6. April 2006: Die Mitarbeiter der Londoner Gruppe Forensic Architecture bauten das Kasseler Internet-Café nach, in dem der Betreiber Halit Yozgat durch den NSU ermordet wurde. Die Rolle des Verfassungsschützers Andreas Temme ist bis heute unklar.

Kassel. In den nächsten Wochen stellen wir in loser Folge Lieblings-documenta-Kunstwerke der Mitarbeiter unserer Redaktionen vor. Diesmal schauen wir auf den Film „77sqm_9:26min“.

Ich glaube, die documenta 14 ist nicht wegen ihrer Kunst so beliebt, sondern trotz ihrer Kunst. Ein Freund sagte, ein Werk müsse ihn sofort packen und etwas in ihm auslösen. Bei den meisten Ausstellungsstücken habe er aber das Gefühl, er müsse zuvor das Gesamtwerk von Marcel Proust und Jürgen Habermas lesen, um überhaupt etwas zu verstehen. Es passt daher zu dieser rätselhaften documenta, dass mein Lieblingskunstwerk eigentlich gar keine Kunst ist.

Halit Yozgat

Ganz hinten in der Hauptpost versteckt, die etwas selbstverliebt jetzt Neue Neue Galerie heißt, läuft der Film „77sqm_9:26min“. Er dokumentiert die „Gegen-Ermittlungen“ der Londoner Gruppe „Forensic Architecture“ (FA) um den Mord des rechtsextremistischen NSU an Halit Yozgat aus Kassel im April 2006. Er gibt den Ermittlern und Richtern im Münchner NSU-Prozess bis heute Rätsel auf. Denn ausgerechnet als Yozgat umgebracht wurde, hielt sich der Hofgeismarer Verfassungsschützer Andreas Temme in dessen Internet-Café in der Holländischen Straße auf.

Mit wissenschaftlicher Akribie gingen Architekten, Regisseure und Künstler der Frage nach, ob Temme tatsächlich nichts von dem Mord mitbekommen haben kann, wie er aussagte. Ihre Antwort stellte FA bereits im April vor. „77sqm_9:26min“ zeigt nun noch einmal eindrucksvoll, dass Temme offensichtlich gelogen haben muss. Grundlage der Arbeit ist ein geleaktes Polizei-Video, in dem der Verfassungsschützer seinen Besuch im Internet-Café nachstellt.

FA-Mitarbeiter bauten das Café in Originalgröße nach und reisten zu US-Ballistik-Experten, um das Schussgeräusch der Tatwaffe Ceská 83 haargenau zu imitieren. Rauchmaschinen halfen, die die Ausbreitung des Schießpulvergeruchs zu zeigen. Im Film, der unweit des Tatorts zu sehen ist, sieht man digitalisierte Rauchpartikel, Schauspieler, die den Weg von Temme nachgehen und eine mitlaufende Zeitschiene. Am Ende ist klar: Temme muss mitbekommen haben, was passiert ist.

Auch die Arbeit von FA, an der auch die Kasseler „Friends of Halit Yozgat“ um Ayse Gülec vom Kulturzentrum Schlachthof beteiligt waren, kann den Mord an Yozgat nicht auflösen, aber sie stellt Fragen, die heute wichtiger denn je sind: Können sich Migranten und Flüchtlinge in diesem Land sicher fühlen? Warum wurde vertuscht statt aufgeklärt? Und was sagt zu all dem eigentlich der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier, der als Innenminister die Ermittlungen behindert haben soll?

Der Film „77sqm_9:26min“ ist keine Arbeit, die durch ihre Ästhetik auf den Ausstellungsbesucher zielt, aber sie will Gesellschaft verändern wie einst die „Soziale Plastik“ von Joseph Beuys. Insofern ist auch sie Kunst.

Hier finden Sie alle Beiträge der Serie Lieblingskunstwerke.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.