Susan Hillers Videoinstallation

Lieblingskunstwerk "Lost and Found": Sprach-Raten in der Grimmwelt

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Wenig zu sehen, viel zu hören: Hillers Videoinstallation „Lost and Found“ ist eigentlich eher eine Audioinstallation. Die dutzenden Sprachfragmente werden nur von einer sich bewegenden Linie und deutschen bzw. englischen Untertiteln begleitet.

Kassel. Wenn aus einem Kunstwerk der documenta 14 eine Gameshow entstehen könnte, dann wohl aus Susan Hillers „Lost and Found“ („Verloren und gefunden“). Ihre Videoinstallation in der Grimmwelt lädt zum Miträtseln ein, die Auflösung gibt’s nach 30 Minuten.

Die US-Amerikanerin hat dutzende Audio-Beispiele von ausgestorbenen und bedrohten Sprachen gesammelt. In einem dunklen Raum der Grimmwelt sind sie zu hören – begleitet nur von deutschen bzw. englischen Untertiteln auf den beiden Seiten der Leinwand und einer grünen Linie, die passend zu den Stimmen ausschägt.

Der Inhalt der Sprachfragmente ist oft alltäglich – und gerade deshalb so spannend: Ein Katalane bildet einfache Sätze wie „Der Himmel ist blau“, eine Aramäerin erzählt von ihrem Heimatdorf, ein Navajo-Indianer verkündet den Wetterbericht. Andere Audio-Fragmente thematisieren jedoch auch die Sprache selbst.

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Zwar zeigt Hillers Video jeweils Namen und Status der Sprache als etwa „bedroht“ oder „ausgestorben“ an, mehr erfährt der Zuschauer aber erst im Abspann. So beginnt das Rätselraten: Wo wird diese Sprache gesprochen, aus welcher Kultur stammt der Sprecher? Während das etwa bei Katalanen einfach ist, sind auch Sprachen dabei, die sich erst nicht verorten lassen.

Hiller war bereits documenta-Künstlerin

„Lost and Found“ ist nicht das erste documenta-Kunstwerk Hillers auf der documenta. Die 77-Jährige, die einen Doktortitel in Anthropologie hat, hat sich schon für die d13 mit Sprachen beschäftigt. An verschiedenen Orten Kassels stellte sie Jukeboxes auf, bei denen Besucher aus 100 Songs aus aller Welt wählen konnten – darunter vor allem Protest- und Liebeslieder.

Mit ihrem Fokus auf Sprachen ist Hiller auf der Kasseler documenta 14 in der Grimmwelt perfekt aufgehoben. Die Brüder Grimm hätten sicher ihre Freude an den etlichen Sprachbeispielen gehabt. Doch während die Grimms maßgeblich zur Entwicklung des Deutschen beigetragen haben, hätten andere Sprachen Ikonen wie die Brüder Jacob und Wilhelm bitter nötig.

Susan Hiller

Viele Sprachen in Hillers eher dokumentarischem Kunstwerk werden nur noch von einer Handvoll Menschen gesprochen, einige gar nicht mehr. Dabei stiften Sprachen Identität, wie etwa die maorische Nationalhymne für Neuseeland verdeutlicht. Einige Sprachen erwachen nur auf den Aufnahmen im dunklen Raum der Grimmwelt ein letztes Mal zum Leben – eine Mahnung daran, nicht noch mehr Sprachen zum Opfer der Globalisierung werden zu lassen. Laut dem US-amerikanischen Linguistenverband könnten noch dieses Jahrhundert etwa 80 Prozent der weltweit mehr als 5000 Sprachen aussterben.

Diese eher pessimistische Aussicht wird aber schon im Titel des Kunstwerks ein wenig aufgehellt. Nicht alle Sprachen sind für immer verloren, einige können wiedergefunden werden. Hoffnung macht etwa Cornish aus dem britischen Cornwall. Erst seit 2009 wird die wiederbelebte Sprache von der Unesco statt als „ausgestorben“ nur noch als „kritisch bedroht“ bezeichnet.

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