Lieblingskunstwerk "The Missing Link": Bedrohlich und voller Hoffnung

Man muss vielleicht mehrfach hinschauen: Bei näherem Hinsehen erzählt Pélagie Gbaguidis „The Missing Link“ davon, wie wertvoll Bildung ist. Foto: Fischer

Schulbänke mit Schwarz-weiß-Fotos, daneben ein Schaukelpferd, Scherben, bedruckte Zettel und bemalte Stoffbahnen, die von der Decke hängen. Der Kunstwerk-Titel „The Missing Link“ (die fehlende Verbindung) trifft.

Ich muss mir eingestehen: Ich verstehe den Zusammenhang zwischen den Objekten zunächst nicht, die die Künstlerin Pélagie Gbaguidi aus Benin im ersten Stock der Neuen Galerie ausstellt. Der Zusatz „Dicolonisation Education by Mrs Smiling Stone“ hilft auch nicht gleich.

Ich schaue genauer auf einen Zettel, der neben anderen wie auf einem kleinen Altar an einer langen Wand thront. Was dort steht, geht mir durch Mark und Bein: „Ein Sklave, der seinen Besitzer, seine Besitzerin oder deren Mann oder Kinder schlägt, wird mit dem Tod bestraft.“ Menschenverachtend, bedrohlich. Ich lerne: Ab 1685 definierte dieser Artikel mit vielen anderen den Alltag von Sklaven in französischen Kolonien. Ludwig XIV., König von Frankreich, sprach den Menschen mit dem „Code Noir“ (schwarzer Code) ihre Würde ab. Unter dem Zettel-Altar liegen Scherben aus Glas und Ton. Zeichen der Zerstörung. Daneben hängen Kopfhörer, über die Stücke von Bach und Händel zu hören sind. Die Musik der westlichen Welt in dieser Zeit. Makaber.

Jetzt fällt der Groschen: Schulbank, Schaukelpferd und die Stoffbahnen sind starke Symbole. Was sie darstellen? Lernen, spielen, sich entfalten. Unbeschwert sein, Pläne und Träume haben, Freiheit empfinden. Dafür stehen auch die bunten lebendigen Zeichnungen der Schüler der Offenen Schule aus Kassel- Waldau, die in der Installation zu finden sind. Mir steckt ein dicker Kloß im Hals: All das wurde den Sklaven mit dem Code Noir abgesprochen – ganzen Generationen, bis man die Dekrete 1848 zumindest rechtlich außer Kraft setzte.

Und dann, war danach alles besser? Nein, die Kolonialisierung ging weiter. Frankreich unterdrückte weiterhin Menschen, ebenso wie andere Kolonialmächte wie das damalige Deutsche Reich, die Niederlande und Großbritannien. Die Auswirkungen sind bis heute zu spüren.

Aber: Pélagie Gbaguidis documenta-Kunstwerk prägt die Hoffnung. Denn den Dekreten und Scherben stehen die Symbole der Entfaltung gegenüber, kreisen sie sogar ein. Geschickt gemacht. Dazu kommt das intensive Licht, das durch die Fenster auf die Installation fällt.

So erstrahlen auch die Schwarz-weiß-Fotos auf den Schulbänken in einem anderen Licht. Sie zeigen Menschen afrikanischer Abstammung, die protestieren, sich ihrem unterdrückenden System nicht beugen wollen. Ich finde heraus, dass es sich wahrscheinlich um Abbildungen der Soweto-Aufstände in Südafrika 1976 handelt. Dort lehnten sich Menschen dagegen auf, Afrikaans zu lernen, die sie als Sprache ihrer Unterdrücker sahen. Jetzt ergibt auch der Zusatz „Dicolonisation Education“ (etwa: Aushebeln von Kolonialisierung und Bildung) mehr Sinn: Bildung findet direkt über Sprachen in der Schule statt. Unterdrückung auch. Bildung ist also nicht gleich Freiheit. Trotzdem: Sich frei entfalten zu können, ist ein wertvolles Gut.

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