documenta 14

Lieblingskunstwerk Torwache: Mahnmal der verletzten Häute

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Eingriff ins Stadtbild: Die verhüllte Torwache von Ibrahim Mahama ist das größte Außenkunstwerk der documenta 14.

Kassel. Die Torwache in Kassel ist wegen der documenta 14 mit Jutesäcken verhüllt. Was steckt eigentlich dahinter? Wir stellen die Aktion in unserer Serie Lieblingskunstwerke vor.

Hier finden Sie alle Beiträge der Serie Lieblingskunstwerke.

Dunkel und schwer hängen die Jutesäcke, wenn es regnet. Jede Faser saugt die Nässe auf. Bei Sonne wirken die Säcke leicht, hell. Manche sind zerschlissen, nur noch Fetzen, andere haben Löcher, tiefschwarze Augen. Aufschriften wie „Produce of Ghana“ erinnern an Brandmale, Wülste an schlecht verheilte Wunden, Nähte an Schnitte, an Narben. Aufgemalte Botschaften wie „SOS“ oder „Happy“ flüstern laut.

Wind lässt Kette und Schuss des reißfesten Gewebes beben, atmen wie einen Körper. Gleich einer verletzten Haut überziehen 2000 zusammengenähte Kakaosäcke die klassizistische Torwache am Beginn der Wilhelmshöher Allee. Die Installation „Check Point Sekondi Loco“ von Ibrahim Mahama aus Ghana verwandelt für die documenta 14 beide Gebäude in düstere Plastiken. Die Oberfläche erzählt vom schaurigen Gewerbe des Kakaohandels.

Ghana ist mit etwa 850.000 Tonnen pro Jahr der drittgrößte Produzent des braunen Goldes. In den letzten Jahren ist der Kakaopreis dramatisch gefallen. Teure Arbeitskräfte können sich die Kleinbauern oft nicht mehr leisten, weshalb sie Kinder zur Kakaoernte einsetzen. Fünf- bis 17-Jährige schlagen mit Macheten die gelben Schoten von den Bäumen, schleppen bis zu 65 Kilogramm schwere Säcke. Trotz Initiativen, Kampagnen, Vereinbarungen steigt vor allem an der Elfenbeinküste die Zahl der minderjährigen Arbeitskräfte auf den Plantagen.

Arbeiten im Kunstwerk: Das Fenster wurde freigeschnitten, damit das Personal des Verwaltungsgerichtshofs Tageslicht hat.

Als Verpackung für Kakao, Kaffee, Reis, Bohnen, Kohle importiert Ghana Jutesäcke aus Indien und Bangladesch. In den dortigen Fabriken lösen Arbeiter die drei Meter langen Faserbündel aus der Pflanze, waschen, trocknen die festen Stränge, dies bei großer Hitze. Noch in den Produktionsstätten werden die Säcke maschinell gefertigt.

Für seine Arbeit tauscht der in Accra und Tamale lebende Künstler fabrikneue Jutesäcke auf den Märkten seiner Heimat gegen benutzte. Mahama sagt, er sammle „forensische Beweismittel“. Es ist ihm wichtig, die Säcke wieder und wieder zu verwenden. Da die Maße seiner Arbeiten unterschiedlich sind, wird das Material bei einer geselligen Performance auseinandergetrennt und neu zusammengefügt.

Stich für Stich arbeiteten in den Henschel-Hallen etwa 30 Personen an der Haut für die Torwache. Ein Teil der Jutesäcke war per Lkw oder Flugzeug aus Athen gekommen, wo der 30-jährige Künstler zur d14 den Syntagmaplatz mit einem überdimensionalen Teppich bedeckt hatte. Weitere Säcke reisten von Installationen in Venedig, Kopenhagen, Düsseldorf nach Kassel.

Jeder buckelt Erfahrungen, ist gestempelt, durch unzählige Hände gegangen, birgt Schweiß, Blut, Hautpartikel, Staub, Abgase, verwebt sich aber auch mit der Freundlichkeit während der Performances. Die Wanderung der Säcke über Kontinente hinweg zieht Linien. Mit jeder Installation kommen neue dazu. Ein Bild der Warenströme und der Migration entfaltet sich.

Die Arbeit des Künstlers ist ein vielschichtiges Gesamtkunstwerk. Das Jutefleckwerk ist die sichtbare, oberste Schicht. Ibrahim Mahama stülpt Innerstes nach außen, Äußeres nach innen, schafft Mahnmale.

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