Mein Lieblingskunstwerk: Nalini Malanis Lichtraum

Inszenierung aus Licht, Farbe und Musik: Nalini Malani verbindet in ihrem Werk „In search of vanished Blood“ (Auf der Suche nach verschwundenem Blut) Videosequenzen mit Schattenprojektionen in der documenta-Halle.

Kennenlernen ist schon ein merkwürdiges Phänomen. Wenn man sich irgendwo in einer fremden Gruppe Menschen wiederfindet, kann man nie genau sagen, mit wem und warum man die ersten zarten Kontakte knüpft.

Vielleicht mag man spontan ein Gesicht oder einen Pullover, vielleicht saß man zufällig beim Essen nebeneinander.

Genauso willkürlich wie ein solcher Spontan-Freund ist ein Lieblingskunstwerk nach drei Tagen documenta. Ich weiß nicht, ob ich übermorgen oder im September noch dasselbe schreiben würde, aber irgendetwas hat mich zwischen all den Kunsteindrücken und Kunstmöglichkeiten in der hinteren Ecke der documenta-Halle festgehalten.

Fast versteckt hinter den wuchtigen Flugzeugwerken von Thomas Bayrle liegt der Eingang zu einem kleinen Videoraum. Schon die geschwungene schmale Rampe, die hineinführt, wirkt wie ein Bühnenaufgang. Am Ende wartet eine opulente Aufführung aus Licht, Bildern und Musik. Nalini Malani, eine Künstlerin aus Indien, hat Regie geführt.

Serie

Alle bisher erschienenen Lieblingskunstwerke

In der Mitte des Raumes drehen sich fünf durchsichtige Zylinder, die mit bunten indischen Göttern, Operationswerkzeugen und betenden Gestalten bemalt sind. Diese gebetsmühlenartigen Objekte werden auf virtuose Art mit Videosequenzen an den Wänden verknüpft. Das Licht der Beamer wirft auch die rotierenden Schatten der Malerei in den Raum, und die beiden Bildebenen verdichten sich zu einer hypnotischen Inszenierung von Farbe und Bewegung.

Dazu füllt sich der Raum mit Musik und Worten, ein meditatives Summen, ein schriller Schrei und splitterndes Glas. Theatralisch muss man diesen Raum der großen Gesten nennen. Und Nalini Malani, eine freundliche ältere Frau in bestickter roter Jacke, lächelt dazu. Ja, das soll so. Seit den 90er Jahren setzt sie sich mit dem Theater in Indien auseinander.

Der Katalog erzählt, dass sich der Raum auf ein Gedicht des pakistanischen Autors Faiz Ahmed Faiz bezieht, dass er auch den Fluch der Sehergabe und die Rolle von Witwen in Indien thematisiert. Der Text konkretisiert das Düstere, das man trotz des Lichts und der Farben schon ahnt.

Vielleicht ist ein solch sinnliches Werk eine leichte Wahl. Aber vielleicht sind die ersten Lieblingswerke oft die, zu denen man intuitiv und ohne viel Vorwissen einen Zugang findet. Meistens sind es auch die leuchtenden, einladenden Menschen, denen man sich als erstes nahe fühlt. Dass die Stillen, Sperrigen vielleicht mit der Zeit interessanter werden, ist ja trotzdem nicht ausgeschlossen.

Von Saskia Trebing

Quelle: mydocumenta

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.