Mein Lieblingskunstwerk: Pedro Reyes' Haus für „leichte Medizin"

Das Sanatorium in der Karlsaue: Wer hier „Therapien“ erleben will, muss vorher - am besten zu Beginn der Besichtigungstour im Park - an der Rezeption einen Termin vereinbaren. Das Sanatorium ist nahe der Kunsthochschule zu finden (Grafik rechts Nr. 11). Fotos:  Malmus

Pedro Reyes betreibt in seinem Sanatorium in der Karlsaue Kunst als Gesellschaftsheilung. Manche Gesichter der „Patienten“ im Wartezimmer wirken angespannt.

Sie können nur ahnen, auf was sie sich mit ihrer Anmeldung im Sanatorium des mexikanischen Künstlers Pedro Reyes eingelassen haben.

Per Gongschlag ruft eine Mitarbeiterin im weißen Kittel zu den „Therapien“ (man konnte im Begleitheft aus acht Behandlungsmöglichkeiten wählen) auf. Camille, ein Kunst-Student aus Genf, der gemeinsam mit Kommilitonen für ein paar Wochen zum zuvor geschulten Personal des Sanatoriums gehört, führt die Gruppe zu einem Stuhlkreis in einem offenen Raum des nüchternen Holzgebäudes.

Camille erklärt auf Englisch Mudras, symbolische oder rituelle körperliche Gesten, wie sie zum Beispiel in indischen Religionen praktiziert werden. Sie sollen, gepaart mit Konzentration, Energien fließen lassen. Eine leichte Übung, zum Herunterkommen.

Sie sollen Glück bringen: Die Sanatoriums-Mitarbeiterinnen Maxine Kopsa (von links) und Vivian Ziherl aus Amsterdam zeigen positive Voodoo-Puppen. Für fünf Euro kann man sie mitnehmen.

Egal, für welche Therapie man sich entscheidet, hier wird die Wahrnehmung des documenta-Besuchers auf das eigene Innenleben gerichtet. „Die meisten Teilnehmer kommen fröhlicher und leichter wieder heraus“, sagt Cloe, die an der Rezeption arbeitet und Termine vergibt. Goodoo-Therapeutin Marie erlebt aber mitunter auch, dass Menschen in Tränen ausbrechen. Einfühlsam begleitet sie „Patienten“, die an grauen Stoffpuppen mithilfe kleiner Glücksbringer positives Voodoo üben. Da gibt es Teilnehmer, die auf diesem Weg ihrem ungeborenen Kind, ihrem Partner oder einem kranken Freund gute Wünsche mitgeben möchten.

Leichter verdaulich ist da der Kompatibilitätstest für Paare: Beide suchen Obstsorten aus, mit denen sie sich am meisten identifizieren. Im Mixer wird das Ganze zusammengerührt. Ob man zusammenpasst oder nicht, ist dann letztlich Geschmacksache.

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Auch wenn die Performances von einem fröhlichen Augenzwinkern begleitet werden, der Hintergrund ist angesichts zunehmender psychischer Erkrankungen ernst. Das Sanatorium ist keine Stätte echter Heilkunst, Reyes sieht es aber wohl als eine Art psychologischen Erste-Hilfe-Kasten. Auf der Suche nach alternativen Methoden, um die geistige Gesundheit unserer modernen Gesellschaft wiederherzustellen. Sein erstes Sanatorium in New York, das er mithilfe des Guggenheim Museums eröffnet hatte, fand bereits Beachtung.

Reyes kann sich vorstellen, dass aus seinem Ansatz von Kunst als Gesellschaftsheilung einmal kulturelle Einrichtungen werden, die Unterhaltung und eine „leichte Medizin für milde Beschwerden“ bieten. Ein spannendes Projekt.

Von Martina Heise-Thonicke

Quelle: mydocumenta

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