Mein Lieblingskunstwerk: Sanja Ivekovic würdigt das Widerspenstige

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Symbolisches KZ: Ein Pressefoto vom Kasseler Opernplatz von 1933 bildet den Ausgangspunkt für Sanja Ivekovics Installation in der Neuen Galerie.

Dies ist ein Bild, das in den Bann zieht: Ein Esel, eingezäunt hinter Stacheldraht, den Blick gesenkt, von einer Menge begafft. Ein Mann mit Stahlhelm und in Uniform streckt die Hand aus, als wolle er ihn anlocken. Der Esel weigert sich, so scheint es, sich zu unterwerfen.

Die Kroatin Sanja Ivekovic hat die im April 1933 in der „Hessischen Volkswacht“ erschienene Aufnahme im Archiv der Gedenkstätte für das Konzentrationslager Breitenau (Schwalm-Eder-Kreis) entdeckt. Auf dem Kasseler Opernplatz, unweit des Fridericianums, das heute Zentrum der documenta ist, war dieses symbolische Lager für widerspenstige Bürger errichtet worden, wie es im Katalog heißt. Eine Warnung, nicht bei Juden einzukaufen.

Für die Künstlerin ist die sprichwörtliche Sturheit des Esels eine vorbildliche Haltung. Dem isolierten, zum Gespött ausgestellten, missbrauchten Tier gilt ihr Respekt, nicht der anonymen Menge. Sie würdigt mit „The Disobedient (The Revolutionaries)“, auf Deutsch „Die Ungehorsamen (Die Revolutionäre)“, zugleich die Widerspenstigkeit aller Menschen, die sich Unterdrückung, Ungerechtigkeit und Verfolgung entgegenstellen.

Galerie von Stofftieren: Blick in die Vitrine, in der die Spielzeug-esel den Namen von Opfern politischer Gewalt zugeordnet sind.

Denn zum Foto hat sie im Obergeschoss der Neuen Galerie in Vitrinen - die klassische Form musealer Wertschätzung - 50 Stoff-Esel platziert. Die Spielzeug-Esel hat sie mit Namen von Widerstandskämpfern, Revolutionären und Opfern politischer Gewalt versehen. Darunter sind die Geschwister Hans und Sophie Scholl („Die Weiße Rose“), Bürgerrechtler Martin Luther King, die russische Journalistin Anna Politkowskaja oder Jan Palach, der sich aus Protest gegen die sowjetische Besatzung in Prag verbrannt hat. Aber Wandtafeln informieren auch über in Deutschland unbekannte Aktivisten, die gegen Apartheid, für ein freies Tibet, im antikolonialistischen Widerstand kämpften oder die auf dem Tahrir-Platz in Kairo getötet wurden.

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Noch eine weitere Frage, die Künstler dieser documenta bewegt, wirft die Installation auf: Wie ist unser Verhältnis zu den „nicht-menschlichen Lebewesen“? Ivekovic rehabilitiert und preist die Esel, diese Lasttiere der Menschen, Sinnbild für Dummheit und Armut.

Ivekovics Arbeit hat einen zweiten Teil, „The Disobedient (Reasons for Imprisonment“), für die sie die bürokratisch festgehaltenen Gründe (oder Vorwände) für die Inhaftierung in Breitenau auf Poster hat drucken lassen, die auf Litfasssäulen in Kassel aufgehängt wurden. Meist lautet die Begründung „arbeitsscheu“. Dieses Werturteil speist sie in unsere Welt ein, in der - so der Katalog - neue, neoliberale Formen der Ausbeutung und eines nie endenden Produktionsdrucks geschaffen worden seien.

Sanja Ivekovic, 1949 in Zagreb geboren, ist bei der documenta keine Unbekannte. 2007 schuf sie mit dem wunderbaren Mohnfeld auf dem Friedrichsplatz ein Netz von Bezügen: von der Drogenproduktion in Afghanistan über die Farbe des Blutes und des Kommunismus bis zum Gedenken an gefallene Soldaten, das im englischsprachigen Raum durch Mohn symbolisiert wird.

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

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