Mein Lieblingskunstwerk: Susan Philipsz’ "Klangtest" am Hauptbahnhof

Hallt über die Gleise: Susan Philipsz beschallt den Kulturbahnhof mit Cello- und Viola-Klängen. Foto: Ditzel

Ein Kunstwerk sollte sich über sich selbst erschließen und gefallen, nicht erst, wenn man in einer längeren Abhandlung darüber gelesen hat, was der Künstler damit eigentlich sagen will.

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Bei Susan Philipsz’ 24-Kanal-Klang-Installation „Klangtest“, zu finden am äußeren Ende des nördlichsten Hauptbahnhof-Bahnsteigs, hat mir zunächst nur die Musik des Cello-Viola-Duos gefallen, die da aus sieben, an Elektrizitätsmasten befestigten Lautsprechern erklang.

Doch nachdem ich erfahren hatte, um welche Komposition es sich handelt und warum Susan Philipsz, die vor zwei Jahren mit dem renommierten britischen Turner-Preis ausgezeichnet wurde, die Lautsprecher gerade dort, im vermeintlichen Niemandsland, installierte, gewann das Kunstwerk eine ganz andere Dimension.

Die Musik basiert auf der „Studie für Streichorchester“, die Pavel Haas 1943 im Lager Theresienstadt komponierte. Im Jahr darauf kam der 1899 geborene jüdische Komponist in Auschwitz ums Leben.

Susan Philipsz

Die Lautsprecher, aus denen seine Musik erklingt, sind rund um jene Gleise installiert, von denen 1941 und 1942 die im Bezirk Kassel verbliebenen Juden in die Lager Theresienstadt und Auschwitz deportiert wurden. Und nicht weit entfernt von diesen Gleisen produzierte die Firma Henschel ihre todbringenden Waffen.

Mit diesen Gedanken im Kopf wird aus dem zunächst angenehmen Gefühl „Streicherklänge zum Blick auf die bewaldete, hügelige Kasseler Landschaft“ eine völlig andere Raum-Zeit-Wahrnehmung. Ganz in der Nähe werden ja noch immer Waffen produziert.

Auf mich wirkt diese Installation der dOCUMENTA (13) beeindruckender und nachdrücklicher als jedes in Stein gehauene „Im Gedenken an ...“-Monument.

Susan Philipsz’ Sound-Installation „Klangtest“ beginnt von 10 bis 19.30 Uhr jeweils zur vollen und halben Stunde und dauert 13 Minuten.

Von Wilhelm Ditzel

Quelle: mydocumenta

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