Mein Lieblingskunstwerk: Giuseppe Penones Bronzebaum „Idee di Pietra“

Ebenbürtige Kräfte: Giuseppe Penones naturgetreuer Bronzebaum trägt den tonnenschweren Granitfindling mit scheinbarer Leichtigkeit. Fotos: Malmus (1), Herzog (1)

Ein Überraschungsauftritt war ihm leider nicht vergönnt: Als er im Mai 2010 in der Karlsaue Wurzeln schlug, war die documenta 13 noch weit weg.

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Und als Anfang Juni endlich das Weltspektakel der zeitgenössischen Kunst begann und die streng gehüteten Geheimnisse um Exponate und Objekte allerorten gelüftet wurden, da hatten wir uns eigentlich schon an ihn gewöhnt. So sehr, dass er - zumindest beim heimischen Publikum - kaum noch Aufsehen erregte. Was Giuseppe Penones „Idee di Pietra“ nicht zum Nachteil gereicht, denn Effekthascherei ist Bäumen fremd. Und Steinen sowieso.

Die Bronzeskulptur des italienischen Künstlers wurde seinerzeit als erstes Kunstwerk der d13 aufgestellt. Das etwa neun Meter hohe Objekt stellt einen blattlosen Baum mit gestutzten Ästen dar. In der mächtigen Krone ruht ein drei Tonnen schwerer Granitfindling.

Die von Penone seinerzeit am Fuße des Baumes gepflanzte kleine Stechpalme führt bisher eher ein Schattendasein. Sie hatte es mit dem Wachsen nicht besonders eilig und wird leicht übersehen.

Hommage an Beuys

Als eine Hommage an Joseph Beuys’ Landschaftskunstwerk „7000 Eichen“, das der Künstler 1982 auf der documenta 7 vorstellte, und das im Stadtbild wie kaum ein anderes seine Spuren hinterlassen hat, will d13-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev den Bronzebaum verstanden wissen. Wie bei Beuys geht es um die Beziehung zwischen lebender und toter Materie.

Penone hat diese Idee „Baum-Stein“ sozusagen umgekehrt: Nicht der (lebendige) Baum dominiert den Stein zu seinen Wurzeln, sondern der wuchtige Granit beherrscht rein optisch das Objekt.

Und doch ist hier alles anders: Pflanze und Stein wirken einander ebenbürtig. Der Bronzebaum - obwohl seiner Äste weitgehend beraubt - strotzt nur so vor Kraft und balanciert den Koloss in seiner Krone mit spielerischer Leichtigkeit.

Wie ein abgestorbener Baumriese, der zwar sein Leben hinter sich hat, aber (wenigstens für eine Weile) als unerschütterliches Denkmal seiner selbst weiterbesteht, ehe ihn der Lauf der Zeit irgendwann endgültig zu Boden zwingt. Und dessen vergänglicher Stärke selbst ein Granitfindling (noch) nichts anhaben kann. Wer sich beim Anblick von Penones Skulptur über die „Ansichten eines Steins“ seine Gedanken macht und vielleicht einmal mit den Händen über die zerfurchte, von der Sonne erwärmte, metallene Rinde streicht, vergisst fast, dass der Baum (nur) aus Bronze besteht.

Giuseppe Penone

Sicher ist: Man zweifelt keinen Moment daran, dass er den tonnenschweren Findling ganz sicher in seinen Armen hält.

Von Gisela Busch

Quelle: mydocumenta

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