Redakteure stellen vor

Lieblingskunstwerke der documenta 14: die "Whispering campaign"

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Ein Flüstern geht um in Kassel: Aus verschiedenen Lautsprechern, unter anderem vor dem Fridiericianum, am Königsplatz, in der Königsgalerie, am Hauptbahnhof und in den Toiletten der Restaurants „L’Osteria“ und „Il Convento“ wispert der Text von Pope L.

Kassel. In loser Folge stellen wir Lieblings-documenta-Kunstwerke der  HNA-Redaktionen vor. Wir beginnen mit einem persönlichen Blick auf die Flüsterkampagne von Pope L.

Aktualisiert am 13. Juni 2017 - "Ignoranz ist eine Tugend.“ Das Flüstern überfällt mich zum ersten Mal beim Schlangestehen vor dem Fridericianum, danach in der Königsgalerie und dann – nach einer Handvoll Gratispistazien  – auf dem Damenklo der „L’Osteria“ am Königsplatz. „Ignoranz ist eine Tugend.“ Ein gewispertes Mantra aus Lautsprechern. Das Ergebnis eines Projektes, das mich seit Monaten beschäftigt hat.

Über die verschlungenen Empfehlungspfade der Kunstwelt landete 2016 der Auftrag auf meinem Schreibtisch, die „Whispering Campaign“ des US-Künstlers Pope L. ins Deutsche zu übersetzen. Da dieser vor allem für seine Performances bekannt ist, bei denen er im Supermankostüm den Broadway entlangkriecht oder nackt auf einem Klo-Thron ein „Wall Street Journal“ mit Milch verspeist, habe ich keinen leichten Text erwartet. Aber auch nicht einen so tonnenschweren.

Auf Dutzenden von Seiten wühlt sich Pope L. in europäische Geschichte und Geschichten, lässt namenlose Fremde durch Athen und Kassel torkeln und auf die untoten Helden und Gauner eines Kontinents treffen, der sich in einem Delirium zwischen Lust und Todeskampf windet.

Für diese Exkursion findet der Künstler eine Sprache, die stolpert, immer wieder abbricht, sich in endlosen Wiederholungen verliert. Manche Sätze sind so rhythmisch, dass ich sie tagelang nicht aus dem Kopf bekomme. „Vorhänge dicht. Lassen wenig bis kein kein kein kein Licht, denn wir waren fleißig fleißig fleißig da drinnen“, lässt er eine Bäuerin über ihre Flüsterstündchen mit den Brüdern Grimm erzählen. 

Als das letzte Dokument eintrifft und alle zerfaserten Fäden in einem jordanischen Flüchtlingslager zusammenkommen, bin ich gerührt und körperlich erschöpft. Der Text in dieser Form existiert in Kassel nicht. Er ist in winzige Stücke gebrochen und wird in Zeitlupe von verschiedenen Stimmen durch Lautsprecher, in Live-Performances und im Radio geflüstert. In Gänze dauert er 9000 Stunden.

Die Flüsterkampagne auf der documenta 14 ist ein anstrengendes Kunstwerk, das sich durch lange Intervalle der Stille immer wieder verweigert. Aber wer Geduld hat und zumindest ab und zu hinhört, wird mit einem klugen, größenwahnsinnigen europäischen Projekt belohnt, wie es vielleicht nur ein Amerikaner erschaffen kann.

Alle Lieblingskunstwerke unserer Redakteure finden Sie gesammelt hier.

Interview mit Künstler Pope L. 

Der US- Künstler Pope L. ist mit seinen provokanten Performances bekannt geworden. In Kassel lässt er durch seine Flüsterkampagne Texte über Europa durch die Stadt geistern. Wir haben mit ihm gesprochen.

Pope L., was fasziniert Sie an Geflüster?

Pope L.: Die Idee war, eine Wolke aus Klang zu erschaffen, eine Atmosphäre, die aus Sprache besteht. In den USA gab es im 19 Jahrhundert sogenannte „Flüsterkampagnen“ in der Politik, mit denen der Ruf von jemandem zerstört werden sollte. Das ist nicht, was ich will, aber ich nutze den Effekt, den das Flüstern hat. Etwas, das herumspukt. Ich spuke in Europa herum.

In den Texten kommen viele Geschichten vor, die in Europa herumspuken. Welche Rolle spielen Mythen und Märchen?

Pope L: Mich haben die Geschichten drumherum interessiert, die nicht so oft erzählt werden. Ich habe zum Beispiel viele Texte über die Grimms gelesen. Der dritte Bruder Ferdinand hat mich interessiert, weil er der Geplagte war, der Außenseiter. Er steht für die dunkle Seite der Familie und ich war zu den dunklen Seiten Europas hingezogen.

Wie hat Kassel als Ort Ihre Arbeit beeinflusst?

Pope L. : Nach Kassel zu kommen, war sehr wichtig, die Unterhaltungen mit den Einheimischen, das Essen, das Herumlaufen. Dabei nimmt man den Sound eines Ortes auf und kann erfahren, wie Klang den Stadtraum füllt. Das hat die Arbeit sehr beeinflusst.

In Kassel bringen Sie Ihr Geflüster auch an eher unpoetische Orte wie die Königsgalerie oder die Toiletten der L’Osteria. Warum?

Pope L: Gerade weil sie eigentlich nicht interessant sind. Sie sind Teil des normalen Lebens, aber sie sind wichtig, weil das Leben nunmal überwiegend an solchen langweiligen Orten stattfindet. Sie verbinden uns, deshalb wollte ich dorthin eine Stimme bringen.

Ihre Arbeit hat auch lange Pausen, in denen die Passanten gar nichts hören. Welche Bedeutung hat Stille für Sie?

Pope L.: Ich finde Klang interessanter, wenn er nicht berechenbar ist. Sonst gewöhnt man sich zu sehr daran, wie an ein Radio. Also wollte ich Momente haben, in denen nicht der Sound wichtig ist, sondern die, die zuhören.

Hintergrund: Termine der Flüsterkampagne

Im Freien Radio Kassel ist das Flüstern von dienstags bis sonntags von 14 bis 16 Uhr zu hören, außerdem wird das Werk jede Nacht von Mitternacht bis 6 Uhr morgens übertragen. Jeden Mittwoch von 15 bis 16 Uhr wird in den Räumen des Freien Radios (Opernstraße 2) live geflüstert - und zwar mit verbundenen Augen, direkt vom Studio in den Äther. Gäste, die die Akteure dabei beobachten wollen, sind ausdrücklich erwünscht. Alle Standorte der Lautsprecher in Kassel und die Routen von flüsternden Autos sind in einem Booklet verzeichnet, das im Informationszentrum am Friedrichsplatz 4 ausliegt. 

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