Schwerer Blick in die Vergangenheit

Lieblingskunstwerke der documenta 14: Von echten und fiktiven Nazis

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Auch Beuys ist unter den 203 „Real Nazis“: Die Bildersammlung des Polen Piotr Uklanski hängt in der Neuen Galerie. Der siebenfache documenta-Teilnehmer (1921-1986) ist in der unteren Reihe (Vierter von rechts) zu sehen.

Kassel. In den nächsten Wochen stellen wir in loser Folge Lieblings-documenta-Kunstwerke der Mitarbeiter vor. Heute richtet sich der Blick auf Piotr Uklanskis "Real Nazis" in der Neuen Galerie. 

Alle Lieblingskunstwerke unserer Redakteure finden Sie gesammelt hier.

Monumental begegnen dem Betrachter 203 Fratzen des Naziregimes, gerastert in archivierend anmutende Reihen. Und schon der Titel verunsichert. Noch nicht, als der Blick auf Hitler fällt, auch nicht, als wir Goebbels, Göring und andere Parteigrößen entdecken.

Aber inmitten dieser wandfüllend komponierten Schwerverbrecher tauchen Flakhelferinnen, unbekannte Soldaten und auch der junge Joseph Beuys auf: Mit Funkerkappe und verschlossenem Blick. Hier wird er dem Beuys von 1969 im Kabinett nebenan, der berühmten, auch während der documenta unantastbaren Installation „The pack (das Rudel)“ als sein junges Ich entgegengesetzt.

Waren sie alle echte Nazis? 

Nicht nur die Formsprache erfährt eine Spiegelung in den rasterartig angeordneten Schlitten. Diese mit Filz und Fett beladenen Schlitten erzählen einer Legende nach von Beuys’ Rettung durch Krim-Tartaren nach seinem Absturz mit einem Kampfflugzeug 1944.

Nun wird der Titel „Real Nazis“ zum eigentlichen Bruch mit den Fratzen. Ihr historischer Ort wird umgetauscht mit ihrem festen Platz in Massenkultur und kollektivem Gedächtnis. Es ist das, was John C. Welchman im „Daybook“, dem Katalog der laufenden documenta, mit dem „kathartischen Kern“ in den Arbeiten Uklanskis der letzten Jahre benennt.

Beuys, aber auch die Mitläufer und unbekannten, realen und fiktiven Statisten des Systems bewirken, dass sich der Betrachter Fragen stellt: Wer sind nun die wirklichen Nazis? Welche der Bilder sind real und welche nicht? Und wessen Realität gilt?

Der Betrachter muss sich bohrenden Fragen stellen

Und so merken wir auch: Es ist nicht die Größe des zweidimensionalen Bildes, die gefangen nimmt, sondern es ist die fantasierte Dreidimensionalität, die entsteht, indem die gezeigten Individuen ihre jeweils ganz eigene Vita in einer dritten Dimension durch die Wand von hinten kommend entfalten. Diese Dimension steht für die Vergangenheit der gezeigten Individuen sowie in den Raum hinein, also zukunfts- und betrachtergewandt, mit ihren unendlichen Variationsmöglichkeiten.

Der polnische Künstler Uklanski, 1968 in Warschau geboren, aber löst Begriffshierarchien auf und stellt sie zur Disposition. Ist das Ganze mehr als die Summe seiner Teile? Was ist der Einzelne in der Gewalt des herrschenden Systems? Was ist das herrschende System ohne den Einzelnen? Und die beklemmendste aller Fragen: Wer bin ich und wer wäre ich? Welche Raster präge ich und welche Raster prägen mich?

Zu Piotr Uklanskis documenta-Beitrag in der Neuen Galerie, der sich auch auf das Buch „The Nazis“ (1999) mit einer Bildersammlung von Nazi-Darstellern im Film bezieht, ist im Verlag Hatje Cantz ein 272-seitiges, englischsprachiges Künstlerbuch mit 250 Abbildungen erschienen (Edition Patrick Frey, 52 Euro).

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