Theo Eshetu projiziert „Atlas fractured“ auf eine riesige Wand in der Hauptpost

Lieblingskunstwerke der documenta 14: Schicht um Schicht Gesichter

Bilder überlagern sich: Videoprojektion von Theo Eshetu in der Neuen Neuen Galerie (Hauptpost). Titel der Arbeit: „Atlas fractured“. Foto: Malmus

In den nächsten Wochen stellen wir in loser Folge Lieblings-documenta-Kunstwerke der Mitarbeiter unserer Redaktionen vor.

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Es ist der maximale Kontrast zur allgegenwärtigen Knipserei. Überall werden Selfies geschossen, die Ergebnisse auf dem kleinen Smartphone-Display kritisch begutachtet, per Filter-App bis ins Übernatürliche getunt, dann in den Fotofriedhof der sozialen Medien hochgeladen – und dort sich selbst überlassen. Abbildungen von uns Menschen werden durch die schiere Masse, durch den optischen Optimierungswahn und durch die Displays der neuen Betrachtungsmedien immer künstlicher und immer kleiner.

Der Londoner Künstler Theo Eshetu setzt dieser Banalisierung und Miniaturisierung eine meterhohe, meterlange Videoprojektion entgegen, die in der Neuen Neuen Galerie, also der Hauptpost, eine soghafte Wirkung entfaltet. „Atlas fractured“ ist 35 Minuten Sehvergnügen, Rätsellust, Bilderrausch.

Eshetu, der holländische und äthiopische Wurzeln hat, erschafft einen Atlas der Vielfalt des menschlichen Lebens. In aller ethnischen Fülle. Gesichter. Figuren, Bilder. Auch Götter der Vorfahren sind da zu sehen, griechisch, südasiatisch, ozeanisch.

In der Mythologie ist es ein Titan, der unser Himmelsgewölbe stützt: Atlas trägt die Kugel auf den Schultern. Bei Theo Eshetu wird das Bild dieser mythologischen Figur plötzlich überschwemmt von einem leuchtend blauen Foto unseres Planeten, aus dem All betrachtet. Dann wird das Himmelsgewölbe des Atlas’ zum Gesicht eines dunkelhäutigen Mannes. Seine Augen schauen die Betrachter an.

In der 35-minütigen Installation überblendet Eshetu seine Bilder, überlagert Abbildungen oder Plastiken von ethnischen Masken oder Gottheiten mit filmischen Porträts von heutigen Menschen. Gesicht über Gesicht. So zwinkert ein hölzerner Urahn mit den Augen, hält vor einer Madonnenfigur in gleicher Pose eine lebendige Frau ihr Baby.

Hände wischen vor einem Antlitz nicht nur Haare, sondern das ganze Gesicht beiseite, bis ein weiteres Gesicht darunter zum Vorschein kommt. So können Augen durch Hände durchschauen, die eigentlich Augen verdecken. Und tauchte dort nicht gerade Popstar David Bowie mit dem berühmten Blitz über dem weiß geschminkten Gesicht auf? Ikonen der Neuzeit. Wen verehren wir heute? Wie bilden wir unsere Helden ab?

Eshetu nutzt als Untergrund Werbebanner des Ethnologischen Museums Berlin. So öffnet er zusätzlich einen Diskussionsraum zu den Themen ethnologische Stereotypen, koloniale Welterklärungsmuster und zur einstigen Sammelwut der Kolonisatoren, die anderen Völkern auch heilige Artefakte entrissen und in ihre Museen stopften. Was macht den Menschen aus? Welche Bilder von Menschen haben wir im Kopf?

Vom Text lassen sich im allenfalls Bruchstücke verstehen – die technisch eindrucksvolle Projektion behauptet sich aber in der riesigen Halle problemlos. Und Schicht um Schicht überlagern sich weitere Gesichter.

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