Pope.L spielt mit Vorurteilen

Lieblingskunstwerke der documenta 14: Schock in kleinen Rahmen

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Spiel mit Vorurteilen: Pope.Ls „Skin Set Drawings“ (Haut-Satz-Zeichnungen) in der documenta-Halle. Hier: „Weiße Menschen sind Gottes Art, Entschuldigung zu sagen.“   

Kassel. In loser Folge stellen wir die Lieblings-documenta-Kunstwerke der Mitarbeiter unserer Redaktionen vor. Diesmal: Wie unsere Autorin auf die richtige Fährte zu Pope.Ls Skin Set drawings kam.

Mein persönlicher Schockmoment bei der d 14 beginnt mit einem unscheinbaren Bild in der Documenta-Halle. „White People are God’s way to say sorry“ steht da, steht da in dickem Filzstift. Weiße Menschen sind Gottes Art, um Entschuldigung zu bitten. Der kleine Rahmen ohne weitere Informationen haut mich um.

Was soll das denn? Wer ist der Künstler? Ein Schwarzer, der sich gegen Rassismus stellt? Der einen zynischen Kommentar abgeben will? Ein Weißer, der sich für überlegen hält? Und: Wofür muss Gott sich entschuldigen? Ich finde keine Antwort.

„Schwarze Menschen sind das Schweigen, das sie nicht verstehen.“

Ein paar Räume weiter hängen weitere Bilder, offenbar aus der gleichen Serie, von einem Künstler namens Pope.L. „Black People are the silcence they cannot understand.“ Schwarze Menschen sind die Stille, die sie nicht verstehen können. Meine Unruhe wächst, mein Unverständnis auch. Hinter einer Ecke: „Yellow People are the dog’s seed“. Gelbe Menschen sind die Samen des Hundes?! Für meinen Bruder ist der Fall klar: „Ganz schön rassistisch.“ Rassismus bei der documenta 14? Ich bin nicht überzeugt. Während ich an Kunst aus den Resten von Flüchtlingsbooten und Pfeffersäcken vorbeischlendere, nehme mir vor, mehr über Pope.L herauszufinden.

Ich gehe in den ersten Stock – und muss lachen. „Green People are a recent invention“ (Grüne Menschen sind eine relativ neue Erfindung) prangt gegenüber der Treppe. Und ich verstehe: Pope.L spielt mit dem Thema Rassismus.

„Grüne Menschen sind erst kürzlich erfunden worden.“

Dabei beschränkt er sich nicht auf das Ringen von Weiß und Schwarz – er spielt verschiedene Farben durch und zeigt so, wie absurd es eigentlich ist, Menschen nach ihrer Hautfarbe zu beurteilen. Für den Rest des Tages lässt mich Pope.L nicht mehr los. Wie anders wäre mein Eindruck gewesen, wenn ich zuerst das Bild über die grünen Menschen gesehen hätte!

Pope.L zeigt auch, wie trügerisch der erste Eindruck sein kann – weil er einen mitunter auf eine falsche Fährte führt, die mit dem Gesamtbild wenig zu tun hat.

Pope.L wurde übrigens 1955 in New Jersey geboren, er nennt sich den „freundlichsten schwarzen Künstler in Amerika“. Der Professor ist bekannt für seine Performances, in denen er sich seit den 1970er-Jahren mit Rassismus auseinandersetzt – etwa, indem er auf allen Vieren im Superman-Kostüm über den Broadway in New York kroch.

Auch mit Theater, Fotos und Gemälde thematisiert er immer wieder Rassismus, Identität und soziale Ungleichheit - ernst, aber oft mit einem Augenzwinkern. Seit 1997 arbeitet er an „Skin Set Drawings“: Hunderte der kleinen Rahmen sind schon gefüllt.

Den documenta-Kuratoren machte Pope.L eine Vorgabe: Sie durften nicht nur Sprüche über Schwarze und Weiße aussuchen, sondern mussten auch andere Farben ausstellen, wie er einem Reporter von Artnews verriet.

Ein Glück! Denn ohne die grünen Menschen wären Pope.Ls kleine Rahmen für mich nicht zu einem so spannenden Werk geworden, das einem ernsten Thema mit Humor die Stirn bietet.

Alle Beiträge unserer Serie Lieblingskunstwerke finden Sie hier.

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