Lorenza Böttners Selbstportraits

Lieblingskunstwerke der documenta 14: Ein Leben zwischen den Welten

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Mit den Füßen gemalt: Das Selbstporträt von Lorenza Böttner ist eins der größten Werke in der Neuen Galerie.

Kassel. Die Augen sind es, die mir zuerst auffallen. Blaue Augen in einem markanten Frauengesicht strahlen mir entgegen, als ich im Obergeschoss der Neuen Galerie auf das riesige Selbstporträt zugehe.

Erst beim näheren Hinsehen fällt mir auf, dass das Bild aus lauter Fußabdrücken besteht. Spontan bin ich beeindruckt. Was für ein großes Vorstellungsvermögen muss eine Künstlerin haben, um eine geschätzt fünf mal fünf Meter große Leinwand mit Fußabdrücken so perfekt symmetrisch zu bemalen? Beim Blick auf die Künstlerinfo werde ich nicht viel schlauer: Da steht nur „Lorenza Böttner“.

Ich muss in der Neuen Galerie ein Stockwerk tiefer gehen, um zu verstehen. Hier gibt es auf der documenta eine Collage aus Fotos und gemalten Selbstporträts von Lorenza Böttner: Mal als Mann, mal als Frau, mal als androgynes Wesen. Aber immer elegant, tänzerisch – und ohne Arme. Die Biografie verrät mir, dass Lorenza Böttner, 1959 geboren als Ernst Lorenz Böttner in Chile, die Arme nach einem Stromschlag im Alter von acht Jahren amputiert werden mussten. Im Laufe der Jahre entwickelte sich eine große Affinität zum Tanz und zur Malerei mit Mund und vor allem den Füßen. Si_er – wie Böttner in der Biografie bezeichnet wird – lebte einige Zeit in Hessisch Lichtenau, um sich wichtigen Operationen zu unterziehen, studierte Kunst in Kassel und widmete sich danach unter anderem dem Ziel, Mund- und Fußmaler zu fördern.

Lasziv: Ein Wandel zwischen der männlichen und weiblichen Welt.

Außerdem inszenierte si_er sich in Performances bewusst als sexuelles Wesen – ausgelöst durch die Erfahrung, als Behinderter ausgegrenzt zu werden. Bilder zeigen Böttner lasziv tanzend oder in einem Selbstporträt, einem Säugling die Flasche gebend.

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Die Biografie und Bilder von Lorenza Böttner lassen mich nachdenklich zurück. Ich frage mich: Was ist weiblich, was männlich? Wer definiert eigentlich Schönheit? Wann ist man behindert und wer gibt den angeblich „Normalen“ das Recht, Menschen mit Handicap ein natürliches Verlangen nach Sexualität abzusprechen? Fragen, die auch heute noch, 23 Jahre nach dem Tod Lorenza Böttners, aktuell sind und in den gesellschaftlichen Diskurs gehören. Damit ist ihre Kunst auch heute noch ein Politikum.

Nackt: Böttner inszenierte sich bewusst als sexuelles Wesen.

Fernab dieses wichtigen Diskurses ist die Kunst Lorenza Böttner vor allem eines: beeindruckendes künstlerisches Hand-, beziehungsweise in diesem Fall eher Fußwerk.

Videorundgang durch die Neue Galerie

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