"Der Parthenon der Bücher" von Marta Minujín

Lieblingskunstwerke der documenta: Sogar Goethes Faust war verboten

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Monumentales Kunstwerk: Auf dem Friedrichsplatz steht der Parthenon der Bücher der Argentinierin Marta Minujín. Der Büchertempel ist so groß wie das Vorbild auf der Akropolis. 

In den nächsten Wochen stellen wir in loser Folge Lieblings-documenta-Kunstwerke der Mitarbeiter unserer Redaktionen vor. Diesmal erklärt Thomas Siemon, warum der Parthonen so eingängig - und gleichzeitig so überraschend ist.

Alle Lieblingskunstwerke unserer Redakteure finden Sie gesammelt hier.

An der zweiten Säule von links, knapp drei Meter über dem Erdboden, hängt Goethes Faust, der Tragödie erster Teil. Weltliteratur, Pflichtlektüre in vielen Schulen, auf ungezählten Theaterbühnen gespielt – und trotzdem ein Werk, das unter die Zensur gefallen ist. Sonst hätte es hier nichts verloren, auf dem Friedrichsplatz am Parthenon der verbotenen Bücher.

70 Meter lang und 30 Meter breit, so groß wie das Original auf der Akropolis in der documenta-Partnerstadt Athen ist dieses Kunstwerk. Das glitzert im Sonnenschein und auch nachts, wenn es beleuchtet wird. Doch der Büchertempel sieht nicht nur toll aus, die Idee dahinter erschließt sich den meisten Besuchern auch unmittelbar und ohne weitschweifige Erläuterungen. Hier wird Literatur präsentiert, die irgendwo auf der Welt einmal verboten war oder es immer noch ist.

Bücherverbrennung 1933

In Deutschland haben die Nationalsozialisten alle Autoren verfolgt, die ihrer Ideologie im Wege standen. Am Parthenon hängen aus diesem Grund auch Bücher, die auf dem Friedrichsplatz schon einmal eine Rolle spielten. Genau hier haben Kasseler Nazis eine Bücherverbrennung inszeniert.

Am 19. Mai 1933 war das. Körbeweise wurden damals Bücher ins Feuer geworfen. Deshalb hat das Werk der Argentinierin Marta Minujín auch einen direkten Bezug zur Kasseler Geschichte.

Bereits beim Aufbau deutete sich an, dass hier ein Kunstwerk mit außergewöhnlicher Strahlkraft entstehen könnte. Viele Menschen aus Kassel und der Region haben ihre Literaturbestände durchforstet und Bücher gespendet. Die werden in Plastikhüllen gesteckt und luftdicht eingeschweißt. Das ist nicht nur ein Schutz gegen Feuchtigkeit, sondern sorgt auch für einen willkommenen optischen Effekt.

Aus Büchern werden in der Sonne und im Scheinwerferlicht glitzernde Bausteine. Die Kletterer, die sie in die Gitter hängen, sind an manchen Tagen noch unterwegs. Das Kunstwerk wächst weiter, Bücherspenden werden auch direkt am Parthenon angenommen.

Auf der langen Liste, die von der Universität Kassel betreut wird, stehen auch überraschende Titel wie die berühmte Fantasy-Reihe Harry Potter. Die ist in einigen Schulbibliotheken in den USA unerwünscht, weil es in den in Millionenauflage erschienen Büchern auch um Zauberei geht.

Und Goethes Faust? Der fiel bis 1848 in Österreich unter die Zensur. Die Untertanen sollten sich nicht mit Teufelspakten und Hexenwerk befassen. Die Zeiten ändern sich, die Begründungen für Verbote kaum.

Auf dem Friedrichsplatz steht während der documenta ein Metallgerüst mit über 50.000 Büchern, ein Symbol dafür, dass die Verbote auf die Dauer nichts nutzen. Das macht Mut.

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