Waffenhandel unter Beschuss

Lieblingskunstwerke: „El Objetivo“ von Regina José Galindo im Stadtmuseum wühlt auf

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Macht sich zur menschlichen Zielscheibe: Künstlerin Regina José Galindo bei ihrer Performance „El Objetivo“ (Das Ziel).

Kassel. In den nächsten Wochen stellen wir in loser Folge Lieblings-documenta-Kunstwerke der Mitarbeiter unserer Redaktionen vor. Diesmal „El Objetivo“ von Regina José Galindo.

Hier finden Sie alle Beiträge der Serie Lieblingskunstwerke.

Wie es sich anfühlt, mit einem Gewehr auf einen Menschen zu zielen? Das bekommen die Besucher der documenta im Kasseler Stadtmuseum zu spüren – wenn sie zugreifen. Denn in einem sterilen, fensterlosen, weißen Raum stand in den ersten d14-Tagen die für ihre extremen Aktionen bekannte Künstlerin Regina José Galindo aus Guatemala und machte sich zur Zielscheibe – das ist nun auch Besuchern möglich.

Vier Plastik-Maschinengewehre hängen an den Ecken des Raumes vor vier Schießscharten. Greift man nach einem der G36-Sturmgewehre und blickt durch den Sucher, hat man zwangsläufig den Körper der Künstlerin im Visier – im roten Zielpunkt. Von vorne, von der Seite oder von hinten.

Die Performance „El Objectivo“ (Das Ziel), eine Scheinhinrichtung, ist eines der provokativsten Werke der documenta 14. Weil es die Besucher nicht kalt lässt. Weil die Künstlerin – ohne zu sprechen – ihnen eine Gewissensfrage stellt. Greift man nach dem Maschinengewehr, zielt auf die fremde, zarte, dunkelhaarige Frau, die einen fast ausdruckslos aber direkt anblickt – und drückt ab? Oder ist die Ablehnung, nach dem Gewehr zu greifen, so groß, dass man das Szenario nur aus der Distanz betrachten kann? Verändert sich die Entscheidung, wenn man der Zielperson nicht genau in die Augen blickt, sondern sie von hinten ins Visier nimmt? Wie hoch ist die eigene Hemmschwelle? All das – und mehr – muss sich jeder Betrachter, der zwangsläufig zum Teil der Performance wird, selbst beantworten. Jeder wird vor die Wahl gestellt. Ausweichen kann man nicht. Selbst wer den Raum gleich verlässt, gibt eine Antwort.

Kaum ein Besucher greift beherzt zu, zielt und drückt, ohne zu zögern, ab. Die meisten nehmen die Gewehre nur zögerlich in die Hände – zielen. Andere schauen zu.

Die 42-jährige Galindo war bereits öfter bei der Biennale in Venedig vertreten. Für eine Performance ließ sie sich dort wie ein Mordopfer in einem Plastiksack auf einer Mülldeponie ablegen, um auf den Drogenkrieg in Lateinamerika aufmerksam zu machen. Bei der documenta in Athen trug sie Kleider von getöteten Frauen und Mädchen, stand Stunden bewegungslos auf der Straße, um mit ihrer Performance „Presencia (Presence)“ an die Erschossenen zu erinnern.

In Kassel wurde sie zur Zielscheibe. Jetzt ist sie nicht mehr da, Besucher können an ihre Stelle treten. Wie fühlt es sich an, wenn Gewehre auf einen zielen? Galindo will auf die Mechanismen der Gewalt in der Gesellschaft aufmerksam machen. In Kassel, einem der größten Waffenhersteller. Sturmgewehre werden von Deutschland in Konfliktgebiete exportiert, auch nach Lateinamerika, Galindos Heimat. Ihre Botschaft: ein Protest. Sie nimmt die Politik mit ihrer Kunst unter Beschuss. Ihr Antrieb: Wut über Missstände.

Die Gewehre sind aus Plastik und Galindo nie in Gefahr. Doch ist ihr stilles und schreiendes Werk sehr aufwühlend – es nimmt einen gefangen.

Eine Scheinhinrichtung als Lieblingskunstwerk? Ja! Trotz aller gefühlten Brutalität bewirkt Galindo etwas. Sie hat eine Vision, findet sich nicht ab mit dem, was passiert. „El Objetivo“ ist kein sinnloses Ballerspiel. Galindo zeigt, dass man der Zukunft in jedem Augenblick eine Richtung geben kann – je nachdem, welche Entscheidung man trifft.

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