Individuum im Menschenpuzzle

Lieblingskunstwerke der documenta 14: „Photo Notes“ ist weit mehr als nur Kapitalismuskritik

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Tausende von Identitäten: Hans Eijkelbooms „Photo Notes“ im Stadtmuseum lädt zum genauen Hinschauen ein.

Kassel. In den nächsten Wochen stellen wir in loser Folge Lieblings-documenta-Kunstwerke der Mitarbeiter unserer Redaktionen vor. Diesmal „Photo Notes“ von Hans Eijkelboom.

Hier finden Sie alle Beiträge der Serie Lieblingskunstwerke.

Mit den roten Jacken fängt es an. Und mit roten Jacken hört es auch auf. Drehen wir uns also im Kreis? Wiederholt sich alles irgendwann? Vor allem in der Mode? Oder auch im wahren Leben? Wer sich in diesen Tagen ein paar Minuten mehr Zeit nimmt und im Kasseler Stadtmuseum einen Blick auf die „Photo Notes“ des Niederländers Hans Eijkelboom wirft, kann allerlei Entdeckungen machen.

Eijkelboom, 1949 im niederländischen Arnheim geboren, überrascht den Besucher an vier Wänden seines Ausstellungsraumes mit 268 gerahmten „Fotonotizen“. Jedes Bild besteht wiederum aus 12, 15 oder 16 Einzelfotos – also über 4000 Bilder insgesamt. 4000 Personen bilden auf diesen Fotos ein gigantisches Menschenpuzzle. Alle diese Individuen hat der Fotokünstler zwischen dem 9. November 1992 in Arnheim und dem 14. April 2017 in Amsterdam aufgenommen. 25 Jahre Zeitgeschichte also. Das alles könnte als über Jahrzehnte angelegtes Projekt bereits ohne weitere inhaltliche Aufladung seinen Reiz haben.

Eijkelboom aber reicht das nicht. Er sortiert die Menschen, die er in seinem Heimatland, in New York, Schanghai, London, Kairo, Mexiko City, Mumbai, Nairobi, Moskau und auch in Kassel und Athen fotografiert hat, nach optischen Gemeinsamkeiten. So sind es nicht nur die roten Jacken von 1992 und 2017, die der Niederländer meistens in Fußgängerzonen abgelichtet hat.

Wir sehen alte Männer in grauen Jacken, Mütter mit Buggies und kleinen Kindern darin, dann karierte Hemden, Krawatten- oder Plastiktütenträger, Inlineskater mit nacktem Oberkörper, junge Frauen in Tops oder ältere Damen in Mänteln. Das alles wirkt wie ein Kaleidoskop – man kann sich drehen und wenden wie man will, ständig ändert sich alles. Und doch entlarvt Eijkelboom das Uniforme im vermeintlich Individuellen. Er spielt ein Spiel mit den Identitäten und zieht eine kapitalismuskritische Metaebene in sein Werk ein.

Das alles ist aber nicht nur kopflastig, sondern auch ein optisches Vergnügen. Und manchmal auch ein Kuriositätenkabinett. Kaum zu glauben, dass Eijkelboom meistens gerade mal eine Stunde brauchte, um eine Serie zu vollenden. Sind wir ALLE in unterschiedlicher Weise irgendwo so gleich mit einem Dutzend anderer?

Darüber kann man nachdenken, wenn man sich die „Photo Notes“ anschaut. Muss man aber nicht. Man darf auch einfach mal schmunzeln oder sogar laut lachen, was in Eijkelbooms Ausstellungsraum übrigens durchaus passiert.

Vielleich auch deshalb, weil wir uns in einem der Bilder wiedererkennen können. Oder man amüsiert sich in der Abteilung Fremdschämen über die typisch deutschen männlichen Sandalenträger von der Kasseler Königsstraße, die ihr offenes Schuhwerk herrlich stillos gern mit weißen Tennissocken kombinieren.

Hans Eijkelboom macht mit seiner Straßenfotografie Aussagen über Moden, Menschen, Städte, Länder und Kulturen, beschönigt aber nichts. Es wird gelacht, ernst oder gehetzt dreingeblickt oder auch schon mal böse geschaut. Was wir daraus lernen? Vielleicht, dass wir nichts und niemanden nach seinem Äußeren beurteilen sollten.

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