Zwischen documenta-Künstler und Prediger: Ein Fast-Interview mit Theaster Gates im Hugenottenhaus

Ein Lied ist auch eine Antwort

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Versunkene Zuhörer: Auch Chefkuratorin Carolyn Christov-Bakargiev (links) war bei Theaster Gates im Hugenottenhaus. Fotos:  Trebing

Kassel. Ein Wimmern wird zum Brüllen. Beim Gottesdienst schaut der Teufel vorbei. Und ein Interview mit Theaster Gates ist kein Gespräch im eigentlichen Sinne.

Der Künstler sitzt auf einem Podest im Hugenottenhaus und nimmt die erste Frage entgegen. Im Raum steht die Backofenluft, und die Zuhörer drängen sich auf dem Boden und im Türrahmen. Eine junge Frau streckt dem 39-Jährigen aus Chicago ihr Mikrofon entgegen. Welches Konzept er verfolgt habe, als er das heruntergekommene Haus in der Friedrichsstraße renovierte und zur Künstler-WG machte?

Theaster Gates schließt die Augen, versinkt in sich selbst und schweigt, länger, als es den Gästen angenehm ist. Dann beginnt er als Antwort zu singen:

„Ich baue mir ein Zuhause, dieses irdische Haus wird bald verfallen“, haucht er mit sirupdunkler Gospelstimme. Die Melodie ist langsam, tastet sich nach vorn. „Wenn du mich beten siehst, baue ich mir ein Zuhause. So viele Gebäude, nur eins für mich. Ich habe meine Kuratorin gefragt, sie hat mir drei gegeben.“

Auf Englisch reimt sich das. Er grinst zur künstlerischen Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev, die vor der Bühne kauert und sich Luft zufächert.

Die nächste Frage betrifft das Prozesshafte seiner Arbeit. Gates holt Luft um eine Melodie zu beginnen, überlegt es sich aber anders. „Ein Teil der Kunst ist Handwerk“, sagt er stattdessen. „In meiner romantischen Welt hat es einen Wert, dass Leute wissen, was sie tun.“ Er und sein Team haben die Räume mit Material eines Abrisshauses aus Chicago renoviert. Zerstörung und Wiederaufbau, Bakargievs documenta-Grundsatz in Reinform.

Aber hier geht es ihm nicht nur um Handwerk. „Ich wollte wissen, welche Arbeit nötig ist, um noch mehr Arbeit zu ermöglichen“, erzählt er weiter. „Was passiert, wenn ich den Menschen, die hier wohnen, den Auftrag gebe, großzügig zu sein? Ich wollte dem Gebäude einen Grund geben, zum Leben zu erwachen.“

Ist es schwierig, das eigene Kunstwerk nicht mehr kontrollieren zu können? Ja, verdammt. Theaster Gates fasst sich theatralisch an den Kopf. Und ob das schwierig ist.

Dann singt er wieder. „Der Teufel dachte, er hat mich. Er sagte, ich sei nur Sklave.“ Jetzt ist er ein heimgesuchter Gospelprediger. „Ich bat um Frieden, er gab mir meine Hände, meinen Verstand. Aber der Teufel wollte meinen Frieden nicht sehen. Also arbeite ich.“

Gates erzählt von den Hymnen seiner Kindheit. Wie er als 14-Jähriger nicht Jesus, sondern die hübschen Mädchen der Gemeinde im Kopf hatte. „Ich fordere einen Wert für meine Mühe“ singt er mantraartig wieder und wieder.

Immer weiter schraubt er seine Stimme und seine Lautstärke nach oben, zum Schluss schreit er das Wort „Labour“, Arbeit, an die Decke. Eine Frau tupft sich die Augen. Unmöglich zu sagen, ob von Tränen oder Schweiß.

Von Saskia Trebing

Quelle: mydocumenta

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