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„Wir sind in Kassel in Gefahr“: Party Office beendet Live-Programm bei documenta

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Von: Christina Hein

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Der Standort von Party Office an der Werner-Hilpert-Straße 22 in Kassel zur documenta fifteen.
Der Standort von Party Office an der Werner-Hilpert-Straße 22 in Kassel zur documenta fifteen. © Pia Malmus

Es ist eine Reaktion auf „queerphobe Angriffe“: Das Kollektiv Party Office beendet sein Live-Programm auf der documenta.

Kassel – Es kehrt einfach keine Ruhe ein. Nach den hohen Wellen, die der Antisemitismus-Vorwurf gegen die documenta fifteen hervorgerufen hat, und dem Entfernen eines Kunstwerks mit antisemitischen Darstellungen kommt es jetzt zu einem weiteren Aufreger: Das indische Kollektiv Party Office, das seinen Standort in der „Weinkirche“ in der Werner-Hilpert-Straße 22 eingerichtet hat, gab bekannt, sein gesamtes öffentliches Live-Programm auf der documenta fifteen zu beenden.

Der Grund seien queer-phobische und rassistische Aggressionen, ausgehend von Menschen aus Kassel, von documenta-Besuchern und Security-Personal, die die Gruppenmitglieder in den zurückliegenden Wochen vielfach erfahren hätten.

Vertreter der Gruppe Party Office formulieren in sozialen Medien wie Instagram Vorwürfe gegenüber der Kasseler Bevölkerung, die sie als Künstler, die zum Teil auch sichtbar dem queeren Spektrum angehören, von Beginn an immer wieder diskriminiert und bedroht habe. Die documenta-Leitung kritisieren sie dafür, dass sie die Gruppenmitglieder nicht geschützt und deren Ängste nicht ernst genommen habe. Obwohl sie darauf hingewiesen hätten.

„Seitdem ich hier bin, werde ich täglich in den Straßen von transphobischen Männern belästigt und verspottet“, schreibt Party-Office-Kurator Joey Cannizzaro auf Instagram. Cannizzaro hat als Konsequenz nach einem Vorfall am Wochenende Kassel verlassen: Wie der Künstler aus New York erzählt, war Joey Cannizzaro am Samstag mit zwei Freunden unterwegs, um einen documenta-Standort an der Hafenstraße zu besuchen.

Auf dem Heimweg warteten sie an einer Haltestelle auf den Bus. In der Autoschlange vor einer Ampel vor der Bushaltestelle befand sich ein Wagen mit vier Männern, die die Scheiben herunterließen und aus dem Wagen heraus Cannizzaro und seine Begleitung bedrängten und provozierten: mit obszönen Gesten, Pfeifen und aufgedrehter Musik. Als drei der Männer ausstiegen und auf Cannizzaro zukamen, rannte dieser in Panik davon.

Mit seiner Begleitung flüchtete der documenta-Künstler in einen Baumarkt. Die Männer, die inzwischen per Handy drei weitere Männer mobilisiert hatten, verfolgten inzwischen zu sechst die drei Flüchtenden bis in den Baumarkt. Cannizzaro bestellte ein Taxi, seine Begleitung rief die Polizei, weil die Verfolger nicht von ihnen abließen. Was dann geschah, sei traumatisch gewesen, erzählt Cannizzaro.

Die Polizei habe Cannizzaro aus dem Taxi gezerrt und Handschellen angelegt. Eine halbe Stunde lang habe der documenta-Künstler in Handschellen auf dem Parkplatz gestanden. Weil sie keine Ausweispapiere dabei hatten, wurde ein documenta-Mitarbeiter gerufen, der die Künstler identifizierte und dafür sorgte, dass die Polizei sie frei ließ. Die Polizei weist darauf hin, dass zum Hergang der Auseinandersetzung von beiden Parteien unterschiedliche Angaben gemacht wurden. Ein 19-jähriger Fahrzeuginsasse hatte angegeben, er sei durch die heruntergelassene Scheibe von einem der Künstler angespuckt worden. Dieser hatte das gegenüber der HNA bestritten. Cannizzaro stellt fest: „Wir sind in Kassel in Gefahr.“

Die Vorwürfe von Party Office sind schwerwiegend: „Unsere psychische Gesundheit ist in Gefahr und ebenso unsere physische Sicherheit“, veröffentlichten sie Anfang der Woche auf Instagram. Sie wollten ein großes inklusives Fest feiern. Die Fest-Stimmung ist ihnen jetzt vergangen. Cannizzaro: „Die documenta fifteen hat mich und Hunderte andere in Gefahr gebracht, indem sie mich in diese Neonazi-Stadt eingeladen hat.“

Cannizzaro verlasse Kassel für immer und Deutschland so bald wie möglich. Die documenta fifteen sei ein Albtraum gewesen. „Ich hätte nie gedacht, dass ich abreise mit einem solchen Maß an Trauma, Abscheu, Entrüstung und Angst um meine Freunde und Mitarbeiter, die hier bleiben.“

Die documenta habe nichts unternommen, um die Gruppe zu schützen. Cannizzaro weist in dem Zusammenhang auch auf die Schmiererei-Attacken hin, die sich noch vor der Eröffnung der documenta am Standort Werner-Hilpert-Straße – mutmaßlich politisch motiviert – gegen die dort verorteten Gruppen Party Office und The Question of Funding gerichtet hatten.

Im Vorfeld hatte Party Office für Aufsehen gesorgt, weil sie vergeblich die Veröffentlichung der „race and gender demographics“ also der Informationen zu Ethnie und Geschlechter-Hintergrund der Mitarbeiter und der Verwaltung der documenta erfahren wollten. Dies sei „ein Prozess hin zu einer gegenseitig respektvollen kollektiven Praxis“, so das Argument. Sie hatten gefordert, dass „jegliche Übersetzung unserer Werke (nicht nur in Bezug auf Sprache und Objekt) nur von Menschen vorgenommen werden soll, die aktiv antirassistisch und trans/feministisch sind“.

Die documenta äußerte sich bis Donnerstagabend nicht zu den Vorwürfen.

Das sagt der CSD Kassel

Dass es in Kassel häufig zu Übergriffen auf queere Menschen kommt, bestätigt Luise vom CSD-Bündnis Kassel. Auch um den CSD in Kassel herum gab es jüngst wieder Angriffe auf sichtbar queere Menschen, zum Beispiel, weil sie die Regenbogen-Fahne mit sich führten. „Wir empfehlen niemandem, alleine zum CSD zu kommen, das ist zu gefährlich.“ Verbale und auch körperliche Angriffe passierten ständig, etwa, wenn man als Paar unterwegs sei. „Das ist ein bundesweiter Trend.“

Das ist das Kollektiv „Party Office“

Das indische Kollektiv Party Office stellt sichere Räume für marginalisierte und diskriminierte Gemeinschaften her, um unter anderem antirassistische, intersektionale, von Kastendenken befreite, feministische, trans, queere und andere Positionen „zu zelebrieren“, heißt es im documenta-fifteen-Handbuch. Party Office wurde 2020 in Neu-Delhi von der Künstlerin und Kuratorin Fadescha gegründet und ist eine unabhängige von Künstlerinnen und Künstlern organisierte Initiative. Es geht der Gruppe vor allem um Fürsorge. Das Wort Party bezieht sich dabei auf die Versammlung, den Spaß, aber auch auf englisch Partei, also die politische Arbeit. In dem documenta-Standort Weinkirche ist eine Satellitensituation der Räume in Neu-Delhi geschaffen worden für Videoinstallationen, Performances und Austausch.

Kommentar zum Rückzug von „Party Office“: Vorwürfe ernst nehmen

Reibungen und Konflikte sind documenta-Ausstellungen immanent. Anders ist es von einer Welt-Kunstausstellung auch nicht zu erwarten. Drängende Probleme werden von den Kunstschaffenden gespiegelt und angeprangert. Die documenta fifteen mit ihrer Lumbung-Philosophie betrachtet sich als Labor für eine tolerante Gemeinschaftlichkeit. Es werden Utopien für ein besseres Zusammenlebens präsentiert.

An diesen Ansprüchen muss auch sie sich messen lassen. So hat sie eine Sorgfaltspflicht gegenüber den eingeladenen Künstlern. Und dort liegt der traurige Widerspruch: Party Office wollten einen Safe-Space für marginalisierte Menschen schaffen. Aber Fürsorge, zentraler Inhalt ihrer Arbeit, hätten sie von der documenta nach ihren Angaben nicht erfahren. Auch wenn die Vorwürfe von Party Office nicht alle überprüfbar sind, müssen sie ernst genommen werden. Tatsache ist, dass die Zahl der queer-feindlichen Delikte in Deutschland in einem Jahr um mehr als 50 Prozent zugenommen haben.

Diese Entwicklung darf nicht hingenommen werden. Auch nicht von der documenta fifteen.

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