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Lori Waxmans Kunstkritik: Fotografien von Bärbel Ahrberg

Fotografie von Bärbel Ahrberg

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

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Oftmals müssen Fotografien von anderen Fotografien begleitet werden, oder wenigstens von Worten, um sich den Betrachtern verständlich zu machen. Eine Ausnahme von dieser Regel ist das Portrait, gleichgültig ob es sich dabei um das Portrait einer Person, eines Gegenstandes oder eines Ortes handelt. Bärbel Ahrberg machte ein solches Bild 1974. Oder vielmehr: Eine Fotografie, die sie im Jahre 1974 machte, erscheint uns heute als zutiefst teilnahmsvolles, aufmerksames und gründliches Portrait nicht allein eines älteren Ladenbesitzers, der ganz augenscheinlich Motiv dieses Bildes ist, sondern auch des kleinen Geschäfts, das er besitzt, der Zeit und des Orts, an dem er es betrieben hat und es ist sogar ein Portrait davon, wie Fotografien aus dieser Zeit aussehen. Scheinbar befindet sich dieser Laden in England, denn man kann Süßigkeiten in den Regalen erkennen – Cadbury Fruit & Nut Riegel und Quality Street Bonbons. Die Verpackung erinnern an vergangene Zeiten, alle Lettern in Serifenschrift. So viel Zeit ist verstrichen seit dem Jahr 1974. Der ältere Herr, der da steht mit der Hand vor der Brust und seiner beinahe schon peinlichen Ernsthaftigkeit – wahrscheinlich ist er schon vor langer Zeit gestorben. Sein Ladengeschäft wurde höchstwahrscheinlich geschlossen oder viele Male zu etwas völlig anderem umgestaltet. Für die Fotografin, die wir nicht sehen können, die aber diesen Mann dazu gebracht hat, für sie, und viele andere mehr, zu posieren. Und schließlich für die Fotografie selbst. Wenngleich eine Fotografie Momente der Zeit einfängt, so friert sie diese jedoch nicht ein. Unklar bleibt, ob der Laden wirklich so staubig war, wie er scheint, oder ob die Braun- und Gelbtöne sich dem Alterungsprozess der Fotografie selbst verdanken. Denn auch Fotografien altern.

— Lori Waxman, 6. Juni 2012, 16.55 Uhr

Photographs often need the company of other photographs, or at least of words, in order for viewers to make sense of them. One exception to this rule is a photograph made in the style of a portrait, whether it is a portrait of a person, a thing, or a place. Bärbel Ahrberg made a picture of this kind in 1974. Or rather, a photograph that she took in 1974 today appears as a deeply sympathetic, attentively detailed portrait of not only the elderly shopkeeper who is its ostensible subject, but also the small store that he runs, the time and place in which he ran it, and even the way that photographs looked back then. The shop appears to be in England, given the candy on display—Cadbury Fruit & Nut bars, Quality Street bonbons. The packaging is of yesteryear, all serif fonts. So much has aged here since 1974—the elderly man, who stands hand to chest with almost embarrassing sincerity, and who most likely has long since died; the shop, which probably closed or became something unrecognizable many times over; the photographer, who we don’t see but who convinced this man to pose for her, and many others, too; and the photograph itself. For all that photographs capture moments in time, they don’t quite freeze it. It isn’t clear if the shop is really so dusty, or if the brown and yellow are an effect of the photograph’s own ageing process. Photographs grow old too.

— Lori Waxman 6/6/12 4:55 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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