60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Fotografien von Helen Sears

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

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Vögel und junge Frauen bringt man schon seit langer Zeit in Zusammenhang. Das ist nicht schwer zu begreifen – hohe Stimmen, Eleganz, Zerbrechlichkeit und kokette Erscheinung werden beiden gemeinsam für gewöhnlich nachgesagt. In Helen Sears „Sightlines“, einer Serie aufregender kleiner Fotografien von Kunststudenten, werden sie aufs Neue zusammengebracht. Eine Nippesfigur eines Vogels, im Fernen Osten vermittels billiger Handarbeit hergestellt, verdeckt das Gesicht eines jeden Mädchens. Dahinter befindet sich ein akribisch mit Gesso grundierter Hintergrund, der von der Künstlerin gar nicht so billig bemalt wurde. Verschiedene Themenstellungen kommen hier ins Spiel – die Spannung zwischen Einzigartigkeit und Massenproduktion, das Konzept eines bestimmten Gesichtspunkts, der Vergleich eines Kükens mit einem anderen. Doch ganz besonders fabelhaft gelungen bei all dem ist die unerwartete formale Vermengung eines Mädchens mit einem Vogel, die man beinahe auf jedem Bild zu sehen bekommt, wenn Schwanzfedern und Arm, Brust und Kinn zu einzigen Silhouette verschmelzen. Das Haubenförmige der Frisuren ist ihnen gemeinsam, Designs und Muster der Bekleidung wechseln sich ab und manchmal, nur manchmal, wird aus Vogel und Mädchen ein unheimliches, schaurig graziöses, völlig singuläres Gebilde. 

— Lori Waxman, 6. Juni 2012

Birds and young women have long been paired. It isn’t hard to understand why—high voices, elegance, fragility, coquettishness typify both in the popular imagination. They are brought together again in “Sightlines,” a series of thrilling little photographs by Helen Sear of art students. A bird tchotchke, hand-painted in the Far East by a cheap labor force, obscures the face of each girl. Behind them lies a meticulously gessoed background, painted not so cheaply by the artist herself. Multiple subjects are at stake here—the tensions between uniqueness and mass production, the concept of a viewpoint, the comparison of one chick to another. But most marvelous of all is the unexpected formal intermingling of girl and bird that happens in nearly every picture, as tail and arm, breast and cheek meld into a single silhouette. Crested hairdos are shared, shirt patterns and markings are exchanged, and sometimes, just sometimes, bird and girl become an uncannily still, eerily graceful, totally singular entity.

— Lori Waxman 6/6/12

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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