60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Selbstporträts von Stefan Bast

Sanft und mit rührendem Humor: Eine der Aufnahmen von Stefan Bast.

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

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Männliche Körper sind hart und väterlich. Weibliche Körper sind weich und mütterlich. So sagt es uns die Populärkultur, doch wirkliche Körper sprechen oft eine andere Sprache. Mit einigen Fotografien, die er von seinem eigenen kurvigen Körper gemacht hat, fordert Stefan Bast diese Prämissen heraus, und er tut dies mit sanftem, auf seltsame Weise rührendem Humor. Ein Selbstportrait zeigt den Künstler nackt bis zu seinen Hüften. Nachdenklich blickt er auf die Kuhglocke herab, die ihm zwischen den beiden Brüsten hängt, die er mit seinen Händen formt. Nennt man eine Frau eine Kuh, dann beleidigt man sie, doch was bedeutet es für einen empfindsamen Mann zu muhen? Ein anderes Foto zeigt Bast von der Hüfte abwärts. Ein blaues Kleidungsstück ist hoch gerafft und gibt den Blick auf seine beiden anmutigen haarigen Knie frei. Eine Polaroidaufnahme einer runden Wurst auf einem Spitzendeckchen hängt vor seinem Schoß. Eine Wurst als Surrogat eines männlichen Körperteils ist wohl ebenso äußerstes Klischee, wie es auch ausgesprochen vulgär ist – doch welches Geschlecht impliziert eine runde Wurst? Die Mehrdeutigkeit scheint liebvoll, die Preisgabe tapfer, eine solche Haltung unerwartet, doch auch derb-sinnlich und vertraut: Queer regional und sehr, sehr real.

— Lori Waxman, 6. Juni 2012, 17.47 Uhr

Male bodies are hard and paternal. Female bodies are soft and maternal. Popular culture tells us this, but real bodies often do not. In a pair of photographs made using his own curvy body, Stefan Bast challenges this assumption with gentle, oddly heartbreaking humor. A self-portrait reveals the artist nude from the waist up, looking reflectively down at the cowbell that hangs between two breasts he’s made for himself with pinched-up hands. To call a woman a cow is to insult her, but what does it mean for a man to moo with sensitivity? Another shows Bast from the waist down, with a blue garment pulled up to expose daintily joined, hairy knees, a Polaroid of a round sausage on a lace doily held against his lap. A sausage is as cliché and vulgar a body surrogate as any, but which gender of body parts does a round sausage connote? The ambiguity feels tender, the revelation brave, the means of doing so unexpected but also earthy and familiar, queerness gone regional and very, very real.

— Lori Waxman 6/6/12 5:74 P

 

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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