60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Yan Lei

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Yan Leis „Limited Art Project“ gleicht einer Mischung aus einem Französischem Salon und dem Depot eines Museums. Gemälde jeder Form und Größe, jeder Farbe und jedes Stils hängen an jedem verfügbaren Quadratzentimeter der Wände, von der Decke bis zum Boden hinab, sie hängen von der Decke in den Raum hinein und an verschiebbaren Lagergestellen.

Insgesamt handelt es sich um dreihundertsiebenundsiebzig Leinwände, die von fünf Assistenten in Peking geschaffen wurden. Im Laufe der dOCUMENTA (13) wird jedes einzelne dieser Bilder in der örtlichen Volkswagenfabrik mit Autolack einfarbig übermalt und anschließend wieder gehängt. Sieht man sich das viele Schwarz, Weiß und Beige auf den Straßen an, dann könnte man die Annahme entschuldigen, hier nun ein noch weniger fabelhaftes Farbspektrum zu erwarten. Doch Orange, Türkis, Lavendel, Waldgrün und jede nur denkbare Farbschattierung dazwischen werden in rascher Folge Madonna und Mao überdecken, Tiger und Skelette. Das birgt ein gewaltiges Bedeutungsspektrum, das von der Pixelierung von Bildern, über die Auslöschung der Tradition, das Merkmal des Sakrilegs, die Übertragung von Energie, bis hin zur Promiskuität des Stils und vielem anderen mehr reicht. Doch weil die Bilder zuerst von Hand im Atelier eines Künstlers gemalt wurden, dann von Maschinen in einer Fabrik, hat es auch den Anschein, als ob dies sehr viel mit dem Verhältnis von Original und Reproduktion zu tun hat, mit dem Verhältnis zwischen menschlicher Arbeit und automatisierter Produktion.

Das mag so sein, aber die Leinwände wurden von Assistenten bemalt, und auch in der Autofabrik arbeiten Menschen. Letzten Endes ist es der Künstler selbst, der mit keiner einzigen dieser Leinwände zu schaffen hatte, sieht man von seiner konzeptionellen Arbeitsleistung ab.

— Lori Waxman, 25. August 2012, 17.18 Uhr

Yan Lei’s “Limited Art Project” looks like a cross between the French Salon and a museum warehouse. Paintings of every shape and size and color and style are hung on every available square inch of wall, from floor to ceiling, from the ceiling, and on sliding storage racks.

There are 377 canvases in total, created by five assistants in Beijing, and over the course of dOCUMENTA (13) every single one of those pictures will be monochromatically recovered with car paint at the local Volkswagen factory and then rehung. Given the amount of black, white and beige on the streets, one could be forgiven for expecting a less fabulous spectrum. But orange, turquoise, lavender, forest green and every hue in between are fast covering up Madonna and Mao, tiger and skeleton. This has much to do with everything, with the pixilation of images, the erasure of tradition, the cachet of sacrilege, the transfer of energy, the promiscuity of style, and more besides. But because the pictures were first painted by hand in an artist’s studio, then painted by machine in a factory, it seems that they also have a lot to do with originality versus reproduction, with human work versus automatic production.

That may be so, but the canvases were daubed by assistants, and the car factory is run by people. In the end, it’s the artist who will never touch a single one, except with his conceptual labor.

—Lori Waxman 8/25/12 5:18 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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