60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Rahim Bader-Nia

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Wie das Verhältnis zwischen Moderne und Mystizismus gelagert ist, wurde nie vollständig geklärt. Vielleicht haben Kunststudenten Angst vor Gott, vielleicht hat Yves Klein alle damit verschreckt.

Rahim Bader-Nia jedoch macht kühn und schön weiter, ist er ja selbst Meister des Ultramarinblaus und anderer Blaufarbschattierungen gleich dem verstorbenen französischen Avantgardisten. Wenngleich nie jemand wirklich herausgefunden hat, wie Ernst Kleins Esoterik zu nehmen sei, so ist das bei Bader-Nia glücklicherweise nicht der Fall.

„The Origin of Aleph“ [„Der Ursprung des Alif“] zeigt die Entstehung der ersten Letter des arabischen Alphabets, den heiligen Buchstaben, aus dem heraus alle anderen Buchstaben entstehen. In Öl auf Glas und Papier gemalt, leuchtet das Zeichen gleich Feuer oder wie Fischschuppen vor dem Hintergrund eines welligen Meeres. Der Untergrund könnte Tuch oder Pergament sein, abgenutzt und knittrig von der Zeit und durch den Gebrauch.

Ein zweites Gemälde mit dem Titel „The Eye that Always Sees“ [„Das Auge das stets sieht“] meditiert durch eine Reihe von Formen hindurch, die in Blau auf Blau vor blauem Hintergrund gehalten sind, über das allsehende Auge Gottes. Zwei orangefarbene Punkte stehen sowohl symbolisch wie auch buchstäblich für das Sehen, da sie den Blick des Betrachters auf das mystische Eine ziehen.

Bader-Nias Kompositionen sind intensiv, jedoch nicht fanatisch. Sein Mystizismus basiert letzten Endes zum Teil auf reiner Farbe und Form und hält sich so für jedermann offen.

— Lori Waxman, 18. August 2012, 16.42 Uhr

The relationship between modernism and mysticism has never been clear. Perhaps art scholars are afraid of God, perhaps Yves Klein just scared everyone off.

But Rahim Bader-Nia proceeds boldly and beautifully, as much a master of ultramarine and other profound shades of blue as the late French avant-gardist himself. Although no one has ever really figured out how seriously to take Klein’s esotericism, this is thankfully not the case with Bader-Nia.

“The Origin of Aleph” presents the birth of the first letter of the Arabic alphabet, the holy letter from which all other letters were formed. Painted in oil on glass and paper, the sign glows like fire, or fish scales afloat against a wavy sea. The ground could be a shroud or parchment, worn and creased with age and use.

A second picture, “The Eye that Always Sees,” meditates on god’s all-seeing eye through a series of shapes painted in blue on blue on blue. Two orange dots do the seeing, symbolically and also literally, as they focus the viewer’s eye on the mystical one. In

Bader-Nia’s compositions there is intensity but no fanaticism; his is a mysticism that, being based at least partly in pure color and form, remains open to everyone.

—Lori Waxman 8/18/12 4:42 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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