60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Albrecht Letz

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Gibt es so etwas wie reine Abstraktion? Das Wort abstrakt weist schon darauf hin, dass abstrahiert wird, wie etwa im Fall Mondrians und seiner Gitterrahmen von Naturbobachtungen oder von der Welt des Urbanen. Man braucht jedoch davon nichts zu wissen und in gewissem Sinne ist es sogar recht hinderlich, will man sich dem freien und intensiven Blick überlassen, den gute Abstraktheit fordert. Albrecht Letz schafft gute Abstraktionen. Dicht mit Acryl und Lack bearbeitete Flächen erinnern an die Oberfläche eines fernen Planeten, den man zum ersten Mal aus der Nähe betrachtet. Wie geht das? Ist die Farbe dünne Oberfläche oder reicht sie bis zum Grund?

Antworten auf derlei Grübeleien treten nicht in den Vordergrund, und das ist auch gar nicht nötig, denn eine besondere Nachdrücklichkeit und Kraft wohnt den weißen Balkenlinien inne, die Letz über die pockennarbigen Flächen legt. Gerade oder gebogen verweisen sie als Zeichen auf eine realen Welt, abstrahiert in vorbestimmter Weise: Richtungsvektoren, Straßenmarkierungen, architektonische Strukturen. Jackson Pollock beabsichtigte Ähnliches, als er aus einigen seiner Leinwände Formen herausschnitt, um dergestalt die über alles ausgebreitete, wilde und intensive Flächigkeit seiner berühmten Tropfen zu formieren.

Das klappte nicht so gut und glücklicherweise ließ es Pollock wieder bleiben. Doch die Balkenlinien bei Letz wirken Wunder, und es bleibt zu hoffen, dass er auch weiterhin solche platziert oder andere Kontrastmarkierungen als wirkungsvolle Gegenstücke zu seinen absorbierenden Grundflächen setzt.

— Lori Waxman, 13. Juni 2012, 13.47 Uhr

Is there such a thing as pure abstraction? The word abstract denotes abstraction from, in the way that Mondrian abstracted his grids from observations of the natural and urban world. There’s no need to know this, however, and in fact in can get in the way of the kind of free, intense looking that good abstractions encourage. Albrecht Letz makes good abstractions. Densely worked grounds of acrylic and lacquer puzzle like the surface of a distant planet, seen up close for the first time. How did this happen? Is the color a veneer or does it run deep?

Answers to such musings are not forthcoming, nor need they be, but a certain specificity and force is generated by the white lines Letz paints overtop these pockmarked expanses. Straight or curved, they suggest signs of the real world, abstracted in predetermined ways: directional vectors, road markings, architectural structures. Jackson Pollock attempted something similar when he cut shapes into a few of his canvases, interrupting and overdetermining the wild, tense overallness of his famous drips.

That didn’t work very well, and Pollock never did it again, thankfully. But Letz’s lines work wonders, and hopefully he will continue to place these and other contrasting marks in potent juxtaposition with his absorbing grounds.

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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