60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Alfred Hohmann

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Hinter einer Maske kann jeder ein anderer werden. Doch wer wären Sie gerne? Wären Sie gerne böse oder schön oder tapfer? Masken bieten unendliche Möglichkeiten, nicht nur weil sie sich in unendlich vielen Varianten herstellen lassen, sondern auch deshalb, weil sie echte Gesichter – und echte Menschen – hinter ihren Formen verbergen. Auch ein dutzend Masken aus Papiermaschee, die Alfred Hohmann in den letzten fünfundzwanzig Jahren angefertigt hat, führen zu solchen Ergebnissen, aber die damit verbundenen Fantasien sind nicht das, was man vielleicht erwartet.

Er fertigt sie gemeinsam mit Häftlingen in einem Workshop, den er als Bewährungshelfer leitet. Die Masken zeigen traurige Gesichter, lädiert und tief unglücklich, schmerzhaft in ihrer Kraft. Augenhöhlen und Mundhöhle wandeln sich zu kavernösen schwarzen Löchern. Die schartigen Körperöffnungen einer anderen Maske sind wie mit zähem, jämmerlichem Schleim verschmiert. Eine dritte, sie trägt den Titel „Gladiator“, verbirgt einen zerschlissenen Schleier und man kann nur durch ganz enge Löcher hindurchblicken. Ist es so, wenn man eingesperrt ist?

Trägt man diese Skulpturen, dann erhält man eine Lektion in Sachen Projektion und Absorbierung. Ein viertes Beispiel liefert eine Maske mit schwarzen und grünen Streifen. Sie ist in die Gabelung eines lebendig bemalten Astes eingesetzt. Hier macht der Träger eine ihm willkommenere Erfahrung – die Erfahrung einer magischen Befreiung, wenn vielleicht auch nicht in dieser Welt, so doch in einer anderen.

— Lori Waxman, 2. Juli 2012, 15.04 Uhr

Behind a mask, anyone can be someone else. But who would you want to be? Somebody fierce, beautiful or brave? Masks possess infinite possibilities, not only because they can be formed in endless variety but also because they hide real faces—and real people—behind their forms. A dozen papier-mâché masks created by Alfred Hohmann over the past 25 years do this but the results are not quite the fantasy one might expect.

Made alongside prisoners in workshops he ran as a probation officer, the masks present sad visages, damaged and wretched, painful in their power. The eyes and mouth of one collapse in cavernous black holes. The jagged orifices of another run with the thickest, sorriest of mucus. A third, “The Gladiator,” hides under a ragged veil and sees through narrowest of punctures. Is this what it’s like behind prison walls?

Wearing these sculptures is a lesson in projection and absorption. A fourth example, marked with black and green striations, and set in the crook of a vibrantly scrawled branch, lends its wearer a more welcome sensation—the promise of magical release, if not on this plane of existence, then at least in another.

—Lori Waxman 7/2/12 3:04 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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