60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Alice Torossian

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Wasser kann Leben retten, es kann aber auch töten. Wasser ist ebenso geschmeidig wie stark, ebenso müssen wir es trinken wie es auch zerstörerisch ist – das ist eine kraftvolle Metapher für schwierige Zeiten.

Auf vier mittelgroßen Gemälden aus Acrylfarbe, stellt Alice Torossian Wasser nicht so sehr dar, sondern sie führt es vielmehr mit dem Luftpinsel aus. Das größte ihrer „Wasserbilder“ erzittert unter dem Einschlag einer gewaltigen frontalen Welle aus Weiß und blassem Türkis. Ein anderes versinkt im Schaum und der Gischt gleißender Helligkeit, gesprenkelt mit Fragmenten von Abfällen. Zwei weitere – die besten aus dieser Gruppe – schwellen unter den vielschichtigen Blau- und Grüntönen rauer Wellen an und brechen wieder in sich zusammen. Unter all diesen Schichten von Wasser – und Farbe – ertrinkend, tauchen Bruchstücke von Buchstaben und Bildfragmente auf und verschwinden wieder. Das sind die Überreste der Werbetafeln einer Apotheke, die Torossian anstelle von Leinwänden nutzt und der Effekt, der dadurch erzielt wird, ist keineswegs ein zusätzlicher wie bei einer Kollage, sondern er ist auf gewisse Weise zerstörerischer, ähnelt einer Auslöschung und tödlichem Untergang.

Doch nach der Flut kehrt für gewöhnlich wieder Ruhe ein. Ob sich diese Ruhe jedoch der Gewalt des Wassers verdankt oder der Malerei, das weiß allein die Künstlerin.

— Lori Waxman, 14. Juli 2012, 14.32

Water will save your life, but it can also kill you. As supple as it is strong, as nourishing as it is destructive, it provides a powerful metaphor in difficult times.

In four midsize acrylic pictures, Alice Torossian doesn’t depict water so much as perform it with a paintbrush. The largest of the “Wasserbilder” shudders under the crash of an enormous frontal splash of white and pale turquoise. Another is deluged in the foam and spray of a total whiteout, flecked with fragments of refuse. Two more—the best of the group—swell and crash with the multihued blues and greens of rough waves. Drowning under all these layers of water—and paint—bits of lettering and spots of pictures rise and ebb. These are the remnants of the pharmacy advertisement boards Torossian used in place of canvas, and the effect is not the additive one of collage but something more destructive, akin to erasure and fatal submersion.

But after the flood usually comes some form of calm, whether a calm achieved from the violent acts of water or of painting only the artist can know.

— Lori Waxman 7/14/12 2:32 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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