60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: André Schwiede

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

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Fotokameras fangen die Wirklichkeit zumeist so ein, wie sie ist. Der Fotograf schaut durch den Sucher, stellt scharf, schießt das Foto und bearbeitetes es später oder druckt es vielleicht aus. Das ist natürlich nicht alles, was eine Kamera – oder ein Fotograf – mit der Wirklichkeit anstellen kann.

Vor langer Zeit etwa, veränderte man die Realität in der Dunkelkammer. Jetzt passiert das auf dem Computerbildschirm, mittels Photoshop oder anderer Bildbearbeitungssoftware. André Schwiede tut das mit dutzenden von Ansichten, die er in Kassel jede Woche aufnimmt. Das können Straßenlaternen im Auepark sein oder ein Bürogebäude in Mitte. Unter seinem digitalen Zauberstab werden Büsche mit giftigem Gelb gesäuert, Pflastersteine sondern blutrote Tropfen ab, Licht funkelt in den brillanten Blitzen des Purpur. Eine funktionalistische Fassade wird geteilt und gepixelt, moosgrün und umbrabraun marmoriert, gesprenkelt mit zartem Hellblau. Doch wenn man schon einmal so weit die Langweiligkeiten der Allgemeinplätze hinter sich gelassen hat, warum dann nicht noch weiter gehen? Man braucht Schwiedes Geschäftsgebäude nur zur Seite wenden, dann wächst plötzlich ein siebenstöckiges Gebäude in den Himmel, die offenen Fenster wirken bedrohlich, die Farben schrecklich.

Wenn man dasselbe mit dem Weg im Park tut, dann wandelt sich das Psychedelische zum Medizinischen; man hat nun eine Computertomografie vor sich, mit einer glühenden Kugel in ihrem Zentrum. Gutartig oder bösartig – das dürfen Sie entscheiden. Zeitgenössisch allemal.

— Lori Waxman, 2. Juli 2012, 13.58 Uhr

Cameras mostly capture reality as it exists. The photographer looks through the viewfinder, focuses, snaps, and later edits and maybe prints. That’s not all that cameras—or photographers—can do with reality, of course.

Once upon a time, magic altered reality in the depths of the darkroom. Now it happens on the computer screen, courtesy Photoshop and other imaging software. André Schweide does this with the dozens of views he captures of Kassel each week, be it streetlights in the Auepark or an office building in Mitte. Under his digital wand, bushes acidify with the hottest of yellow, cobblestones drip blood red, light burns brilliant magenta sparks. A functionalist façade divides and pixelates, mottled in mossy greens and burnt umbers, speckled by a splash of robin’s egg blue.

But having gone this far from the drabness of the commonplace, why not go further? Turn Schwiede’s business facility on its side and a seven-story building grows skyward, the open windows ominous, the colors frightful.

Do the same with his view of a park lane at night, and the psychedelic gives way to the medical, a CAT scan with a glowing orb at its center. Benign or malignant, you decide. It’s certainly contemporary.

—Lori Waxman 7/2/12 1:58 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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