60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Andrea Hild

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Persönliche Geschichten, die auf Fotografien festgehalten wurden, können den Anschein erwecken, das auf ihnen Dargestellte sei für die Ewigkeit. Sepia aber bleicht gemeinsam mit der Erinnerung aus, und Familienalben werden auf Flohmärkten angeboten, wo jedermann sie erwerben kann. Diejenigen, die Andrea Hild in die Hände fallen, haben Glück, denn zart werden ihre Bewohner von ihr auf Transparentpapier oder Kupferstichplatten aufgezogen, gleich neben anderen, die man in den Fotografien von Sally Mann und Lewis Carroll getroffen hat.

Männer mit Melonen auf dem Kopf und kleine Mädchen in festlichen Kleidchen gesellen sich zu ihnen, richtig aufgebracht oder auf den Kopf gestellt, verdoppelt oder verdreifacht, mit Hasenköpfen oder Zylinderhüten von Käfern. Nostalgie ist hier unvermeidbar, doch sie erscheint hier mit einer Freiheit, die sich dem Interesse und dem Respekt schuldet und sich der Tradition verweigert. Fäden werden dazu verwendet, das Unaussprechliche zu markieren: Gewehrschüsse, Muster, die ein Schmetterling während seines Fluges beschreibt, eine Wunde, ein Seil. Kinder werden hier überall begeistert sein, denn das ist vielleicht das größte Element, das die Vergangenheit zu bewahren vermag, zumindest für diejenigen, die wie Hild diese nicht bloß erkennen, sondern auch in der Lage sind, mit ihnen in der Gegenwart Umgang zu haben.

— Lori Waxman, 4. August 2012, 15.15 Uhr

Personal histories captured in old photographs can seem set in stone, but they are not. Sepia fades along with memories, and family albums find themselves for sale at flea markets, where they can be purchased by anyone. The lucky ones will end up in the hands of Andrea Hild, who will delicately lift their long-gone inhabitants onto tracing paper or etching plate, alongside others encountered in the photographs of Sally Mann and Lewis Carroll.

Bowler-hatted men and little girls in party frocks will be right-side up or upside-down, doubled or tripled, given rabbit heads or beetle toppers. Nostalgia will be unavoidable but treated with the inventive freedom that comes from interest and respect, versus tradition. Thread will be used to mark the ineffable: gun shots, butterfly flight patterns, a wound, a tightrope. Children will everywhere be fascinated, because that is perhaps the greatest element that the past can hold, at least for those like Hild who not only recognize it but are able to engage with it in the present.

—Lori Waxman 8/4/12 3:15 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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