60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Andreas Berg

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Das erste Bild aus Andreas L. Bergs fotografischen Bilderzyklus „Lethe“ zeigt einen jungen Mann, der ganz beiläufig an der Wand einer öffentlichen Toilette lehnt, rechts die Urinale, hinten die Toilette, um den Hals Kopfhörer, ein Weinglas in seiner Hand.

Ein untypischer Platz für eine Portraitaufnahme, doch sie bildet den ungewöhnlichen Anfang der Geschichte, die Berg über den Fluss aus der griechischen Mythologie erzählt, dessen Wasser jene vergessen ließ, die aus ihm tranken. In jedem Leben gibt es viel zu vergessen, doch Lethe half jenen, die sich auf ihrem Weg in die Unterwelt befanden, ihre weltliche Existenz hinter sich zu lassen und erleichterte so die Passage ins Reich des Todes. Steht dieser junge Mann auf dem Bild hier also im Begriff, seinen Tod zu finden? Und auch die anderen Protagonisten auf den Bildern Bergs? Die verwegene Frau im Mausoleum, die wunderschöne in ihrem Bad, die einsame an einem Tisch auf einem Feld? Wir alle müssen sterben, manche von uns früher als andere und manche mit mehr Bewusstsein für dieses Sterben als andere.

Dies ist vielleicht auch etwas, das wir gerne vergessen möchten, während wir noch am Leben sind. Es ist nicht klar, was diese Seelen aus ihren langstieligen Gläsern trinken, doch man hofft um ihretwillen, dass es Weißwein sei. Der würde ihnen zuletzt beim Vergessen behilflich sein – aber wohl nicht so gründlich, wie das Wasser der Lethe.

— Lori Waxman, 30. Juni 2012, 13.55 Uhr

The first image in Andreas L. Berg’s photographic series “Lethe” shows a young man leaning casually on the wall of a public restroom, urinals to the right, toilet to the rear, headphones around his neck, wine glass in his hand.

An atypical site for a portrait, it forms an odd beginning to the story Berg tells of a river known in Greek mythology to make those who drank from it forget. There is much to forget during any lifetime, but Lethe helped those on their way to the underworld leave behind their earthly existence, easing the passage toward death. Is this young man, then, about to meet his end? And the other protagonists in Berg’s series as well—the rakish woman in the mausoleum, the beautiful one in the bath, the lonely one at a table in a field? We are all always going to die, though some of us sooner than others, and some of us with more consciousness of it than others.

This, perhaps, is something else we try to forget, whilst we are still alive. It’s unclear what these souls hold in their long-stemmed glasses, but one hopes, for their sake, that it’s white wine. That, at least, might help them forget—though perhaps not as thoroughly as would the waters of the Lethe.

— Lori Waxman 6/30/12 1:55 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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