60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Andreas Grede

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Andreas Gredes „Very squary“ ist eine große Letter des Buchstaben „F“ aus Holz, blau bemalt. Oben findet sich eine Kollage aus Bildern eines Memory-Spiels der 50er Jahre, an den Seiten sind Mobiltelefone angebracht, die auf ihren Bildschirmen attraktive junge Frauen zeigen, die für die Kameras Grimassen machen und Sport treiben.

Gredes „SKRIK!&SCREAM!“ ist eine hastig gemalte Reproduktion von Edvard Munchs Bild „Der Schrei“, wobei drei Ergänzungen vorgenommen wurden: Die Worte „Special Offer Today“ wurden darauf angebracht, zwölf US-Dollar in kaltem harten Münzgeld und eine Preisnachlassschild, das eine Reduktion von $ 120.000.000 auf $ 1.200 bekannt gibt, womit auch auf den Rekordpreis angespielt wird, den das Original erst kürzlich bei einer Auktion erzielte.

Abgesehen vom Erscheinungsbild haben diese beiden Arbeiten vieles gemeinsam. Das alte Memory-Spiel zeigt ein Vorstadthaus, ein Spielzeugpuppe, eine große Limousine – Bildsymbole eines vergangenen Nachkriegsjahrzehnts. Die Mobiltelefone und das facebook-F sind die gesellschaftstechnologischen Symbole unserer Gegenwart. „Der Schrei“, als Original, existiert nicht nur als Kunstikone, sondern steht nun auch für den beträchtlichen Abstand zwischen reich und arm und für die groteske Überbewertung eines Kunstwerks als Luxusware und Geldanlage. Doch es bestehen auch große Unterschiede zwischen diesen beiden Werken.

Mit „Very squary“ erweist sich Grede als respektvoller Schüler ikonischer Bildzeichen. Bei „SKRIK!&SCREAM!“ ist er Ikonoklast, er verwirft die symbolische Malerei gemeinsam mit all dem, wofür sie heute auf beinahe untrennbare Weise zu stehen scheint.

— Lori Waxman, 4. August 2012, 15.58 Uhr

Andreas Grede’s “Very squary” is a large wooden letter “F” painted blue. At the top it is collaged with picture cards from a child’s memory game of the 1950s; on the side with mobile phones whose screens show attractive young women mugging for the camera and exercising.

Grede’s “SKRIK!&SCREAM!” is a hastily painted reproduction of Edvard Munch’s “The Scream,” with three additions: the words “Special Offer Today,” twelve U.S. dollars in cold hard cash, and a markdown sale sign from $120,000,000 to $1,200, denoting the record-breaking price recently paid for the original painting at auction.

Despite appearances, these two works actually have a great deal in common. Those old memory cards depict a suburban house, a toy doll, a big sedan—visual symbols for a bygone postwar decade. The cellphone and the Facebook “F” are the techno-social figures for today. “The Scream”—the original, that is—not only exists as an iconic artwork, but now stands as a sign for the vast gap between rich and poor, and for the grotesque overvaluation of artwork as a luxury good and financial investment. There remains, however, a great difference between the two works as well.

With “Very squary” Grede is the respectful student of icons; with “SKRIK!&SCREAM!” he is an iconoclast, condemning the iconic painting along with everything it now seems to inextricably stand for.

—Lori Waxman 8/4/12
3:58 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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