60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Andreas Kloker

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Wie vermag ein Bild den Lebensgang eines Menschen, von der Kindheit bis ins Alter, darzustellen? Wie kann ein Gemälde die gespenstische Auszehrung und das Verschwinden von Menschen reproduzieren? Wie kann ein Gemälde auftreten und dann wieder zurücktreten – immer und immer wieder?

Die Antwort auf diese und andere Rätsel ist weit einfacher, als man annehmen möchte, und Andreas Kloker liefert sie. Kloker malt mit Wasser auf einer schwarzen Tafel, verwendet ein Tuch, einen Pinsel oder seine Finger, um dieses zugrunde liegende Medium zu bearbeiten. Luft und Wärme führen zu Verdampfung, wohingegen das Licht sichtbar macht. Er nennt diesen Vorgang „natürliches Malen“, denn die verwendeten Materialen sind so roh, wie sie von Natur aus sind, doch hier kommt auch eine buddhistische Technik ins Spiel, bei der Mönche mit einem Pinsel und Wasser auf einer Tafel schreiben. Sie tun dies, um die Kalligrafie zu erlernen, doch zusätzlich wird so eine Lektion über die Vergänglichkeit dieses Lebens gelehrt.

Das tut auch Kloker, wenn er seine Bilder malt, deren Bescheidenheit über ihre Tiefe hinwegtäuschen.

— Lori Waxman, 20. August 2012, 16.05 Uhr

How can a painting depict the lifetime of a man, from infancy to old age? How can a painting reproduce the haunting starvation and disappearance of a people? How can a painting emerge and recede, again and again? How can a painting be all these things and humble as well?

The answer to these and other riddles is far simpler than might be expected, and is provided by Andreas Kloker. Kloker paints with water on a black board, using a rag, brush or his own fingers to manipulate this basic medium. Air and heat cause evaporation, while light makes visible. He calls this process “elemental painting” because the materials involved are as raw as they come, but it also echoes a traditional Buddhist technique in which monks practice writing with brush and water on slate. They do this to learn calligraphy, but it additionally teaches a lesson about the temporality of this lifetime.

As does Kloker’s own painting practice, whose modesty belies its profoundness.

—Lori Waxman 8/20/12 4:05 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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