60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Angelika Oft-Roy

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

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Mit Bronze zu arbeiten ist eine ernstzunehmende Sache. Durch die Jahrhunderte hindurch wurde sie dazu verwendet, Monumenten und Denkmälern, Helden und Heiligen solide und permanente Form zu verleihen, sie in aller Perfektion glatt, glänzend – und tot – erscheinen zu lassen. Auch Angelika Oft-Roy arbeitet mit Bronze, doch ihre weiblichen Figuren ähneln dem oben Beschriebenen in keiner Weise. Ganz lebhaft und zeitgenössisch stehen sie da, nur etwa einen halben Meter groß. Sie nehmen verspielte und ungelenke Posen ein oder strecken sich beiläufig an der Ecke eines Tisches aus. Sie tragen flotte Stiefel mit hohen Absätzen und bequeme Flip-Flops, dazu auch sportliche Badeanzüge, Partykleider und schicke Mäntel. Sieht man von diesen alltäglichen Details ab, sind die Damen von Oft-Roy nicht gerade realistisch.

Sie sind liebenswerte Karikaturen: Ein absolut entzückender Engel von einem Mädchen, das auch sonst ein richtiger Engel ist, mit Flügeln und allem Drum und Dran. Ein Alter Ego, dessen Kleid und Accessoirs, inklusive dem Herzen, das es in der Hand hält, nur Äußerlichkeiten sind, sein Körper aber ein realer. Eine hohle Frau wiederum, deren modische Kleidung das einzig Beständige an ihr ist. Doch auch wenn dies Cartoons im Sinne der Übertreibung sind, so sind sie doch auch wieder gänzlich dem Leben nachgebildet. Von Arbeitsspuren besprenkelt und betropft, ungleichmäßig mit Patina überzogen, zurechtgeschnitten und geformt auf eine Weise, die all die Spuren des mühseligen, zupackenden Herstellungsprozesses nicht verheimlicht.

— Lori Waxman, 25. August 2012, 16.03 Uhr

Bronze is a serious medium. For centuries it has given solid, permanent shape to monuments and memorials, to heroes and saints, rendering them perfectly smooth, shiny—and dead. Angelika Oft-Roy also sculpts in bronze, but her female figurines are nothing like these. Sprightly and contemporary, they stand just a foot tall, in frisky and awkward poses, or sprawled casually across the corner of a table. They wear natty high-heeled boots and comfy flip-flops, and sport swimming trunks, party frocks and chic coats. Despite the everyday details, however, Oft-Roy’s ladies aren’t exactly naturalistic.

They’re caricatures of the most endearing sort: a perfectly cute angel of a girl, who’s also an actual angel, wings and all; an alter ego whose dress and accessories, including the heart she holds in her hand, are shells but whose body is real; a hollow woman whose fashionable clothes are the only solid thing about her. But though they are cartoons in the sense of exaggeration, they are also fundamentally lifelike in another way. Mottled and drippy, patchy with patina, cut and shaped in obvious ways, they bear all the traces of their laborious, hands-on making.

—Lori Waxman 8/25/12 4:03 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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