60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Anna-Katharina Henning

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Zuerst sieht es so aus, als sei die von Anna-Katharina Henning geschnitzte junge Frau auf natürliche Weise zu ihren anziehenden Formen gekommen. Doch diese Holzskulpturen sind genauso scharf eingeschnitten, genauso kantig gemeißelt, wie die Kategorie des jungen Mädchens, eine Kategorie, die vor dem 20. Jahrhundert nicht existierte, genauso wie auch die Idee der Kindheit nicht vor dem 18. Jahrhundert entwickelt wurde.

Ein Mädchen streckt sich nicht einfach auf einem Sessel aus, den Rock offen klaffend, die Beine zur Seite gespreizt, der Kopf betäubt hingesunken. Sie macht sich trunken, ist stoned oder man verabreicht ihr sogar K.-o.-Tropfen. Ein Mädchen steht nicht einfach herum uns schaut runter auf ihr Smartphone, die Beine dabei im ausgewogenen Verhältnis von Stand- und Spielbein. Unsicher nimmt Sie diese Position ein und checkt ihren Apparat unter gesellschaftlichem Druck. Gebeutelt von Marketing, Kinofilmen, Mode, sozialen Netzwerken, Drogenkultur und selbst einer bestimmten Rechtsordnung; Mädchen eines bestimmten Alters sind auf bestimmte Weise, hoffentlich zum Teil auch ganz sie selbst.

Das ist vielleicht auch der Grund, warum Henning sich dafür entschieden hat, ihre Skulpturen aus Lindenbaumholz mit einer Oberflächenbehandlung zu versehen, die nur beinahe glatt ist. Man gehe achtsam mit diesen Mädchen um, sonst reißt man sich womöglich einen Splitter ein.

— Lori Waxman, 7. Juli 2012, 15.57 Uhr

At first it seems that the young women carved by Anna-Katharina Henning have grown naturally into their nubile forms. But these wooden sculptures are as deeply incised, as heavily chiseled as is the very category of teenage girl, a state of being that didn’t exist before it was invented in the 20th century, just as the idea of childhood was itself theorized into being in the 18th century.

A girl doesn’t just sprawl out on a chair, skirt open, legs akimbo, head turned druggedly to the side. She gets drunk, or stoned, or even Ruffied. A girl doesn’t just stand looking down at her smart phone, legs in contrapposto. She wears the position self-consciously and checks her device under social pressure. Buffeted by marketing, movies, fashion, social networking, drug culture and even the legal system, girls-of-a-certain-age are a certain way, though they are hopefully also in part utterly themselves.

This, perhaps, may be why Henning chose to the leave her linden sculptures in a state of finish just short of smooth. Handle these girls carefully, or you might get a splinter.

—Lori Waxman 7/7/12 3:57 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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