60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Annemarie Finke

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Drei riesige orangefarbene Körper hängen vor dem Hintergrund eines Waldes, der in Purpur und Grün gehalten ist, wie die Teufelskerle an einem türkisfarbenen Seil. Drei Wäscheklammern aus Plastik hängen kopfüber an einer Wäscheleine im Freien. Diese beiden Sätze beschreiben dasselbe schlichte Acrylgemälde von Annemarie Finke, ein tropfender, in kräftigen Farben gehaltener Entwurf, basierend auf einer Tinte-Wasserfarben-Studie, die wiederum auf einer Fotografie basiert, die ein Kollege der Künstlerin aufgenommen hat.

Das Motiv ist einfach und alltäglich, doch das Ergebnis zischt vor wilder Farbigkeit, ist voller zügelloser, linkischer Farbkombinationen, welche die leblosen Objekte lebendig werden lassen. Das Ganze wird so lebendig, dass die Wäscheklammern in der Tat zu Personen geraten, zwei von ihnen miteinander schwatzen und eine dritte alleine abhängt. Eine solche Personifikation mag ein Effekt sein, der aus der Größe des Dargestellten resultiert, und in diesem Sinne könnten Finkes Wäscheklammern eine Studie für ein Gemälde einer Claes Oldenbourg Skulptur sein, was auch für ihr Bild mit den beiden Erdbeeren gilt.

Oldenbourg hat eine monumentale Skulptur einer solchen Wäscheklammer für Philadelphia geschaffen, und Finkes Malerei erhellt auf raffinierte Weise, wie ein solcher Alltagssurrealismus sich zu entwickeln vermag.

— Lori Waxman, 20. August 2012, 15.08 Uhr

Three enormous orange bodies hang like daredevils from a turquoise tightrope against a forest of purple and green. Three plastic clothespins hang upside-down from an outdoor clothesline. Both of these sentences describe a modest acrylic painting by Annemarie Finke, a drippy, boldly colored sketch based on an ink and watercolor study, based on a photograph taken by a colleague.

The subject is simple and quotidian enough, but the results fizz with wild coloration, of riotously awkward tonal combinations that make inanimate objects come alive. Alive to the point of narration, in fact, as the clothespins take on personalities, two of them chatting together while a third hangs out alone. Personification can also be an effect of scale, and to this extent Finke’s clothespins could be a study for or a painting of a Claes Oldeburg sculpture, as could her picture of two strawberries.

Oldenburg has done a monumental sculpture of just this subject in Philadelphia, of course, and Finke’s painting ingenuously illuminates how this kind of quotidian surrealism can develop.

—Lori Waxman 8/20/12 3:08 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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