60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Azieb Weldemariam

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

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Das Mandala, eine geometrische Figur, die im hinduistischen oder buddhistischen Symbolismus für das Universum steht, ist eines der kosmologischen Diagramme mit dem höchsten Wiedererkennungswert. Es gibt auch andere, manche davon bringen Grund- und Lehrsätze großen Weltreligionen zum Ausdruck, andere wiederum die Religion eines einzelnen.

Azieb Weldemariam hat ein kariertes Notizheft mit starken Zeichnungen gefüllt, die in die letztgenannte Kategorie fallen. Jedes der kleinen Quadrate ist hier mit einem, mit Kugelschreiber eingetragenen, Buchstaben versehen. Manche davon sind lateinische Lettern, die meisten aber entstammen dem Ge’ez, einer antiken semitischen Sprache, die in der Liturgie der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche überlebt hat. Um diese Symbole herum werden Formen gezogen und mit Farbstiften ausgemalt. Würde ein Novize diese Diagramme betrachten, so wäre er rettungslos verloren, doch Weldemariam gibt ein paar Hinweise auf die Grundlagen ihres idiosynkratischen Glaubens, der zum Teil der dOCUMENTA (13) entstammt, wo sie als Aufsicht in Chiara Fumais Haus arbeitet.

Macht das nun aus Fumai einen Gott oder eine Göttin? Ganz gewiss wird aus der Künstlerischen Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev eine, die Weldemariam als kraftvolle, florale Figurine darstellt, als freigiebige Herrscherin, die alle willkommen heißt.

— Lori Waxman, 8. August 2012, 14.41 Uhr

The mandala, a geometric figure representing the universe according to Hindu or Buddhist symbolism, is one of the most recognizable of cosmological diagrams. Others exist as well, some expressing the tenets of a major world religion, some a religion of one.

Azieb Weldemariam has filled a graph-paper notebook with intense drawings that fall into the latter category. Each square of each page is inscribed in ballpoint pen with a letter, some in roman type but most in Ge’ez, an ancient Semitic language which survives as the liturgical language of the Ethiopian Orthodox Church. Shapes are drawn around these symbols and filled in with colored pencil. Looking at these diagrams, a neophyte would be lost, but Weldemariam offers some clues to the tenets of her idiosyncratic faith, which locates itself in part at dOCUMENTA (13), where she works as a guard at the house of Chiara Fumai.

Does this make Fumai a god or goddess? Certainly it makes one of artistic director Carolyn Christov-Bakargiev, whom Weldemariam represents as a powerful, floral figurine, a munificent ruler who welcomes all.

—Lori Waxman 8/8/12 2:41 PM

 

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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