60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Bärbel Lenz-Horn

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Ein gestrichenes, klumpiges monochromatisches Ölbild hat augenscheinlich nichts mit einer feinnervigen, leichten Wasserfarbenarbeit einer ostdeutschen Landschaft zu tun. Außer, dass sie, wie in diesem Fall, von derselben Malerin geschaffen wurden.

Bärbel Lenz-Horns „Weiß“ könnte cremige Zahnpaste oder Schlagsahne sein, die auf eine Leinwand aufgebracht wurde, es könnte freizügig verteilter Tapetenkleister sein. Streifen verlaufen sowohl vertikal wie horizontal, nur um verspachtelt zu werden, und jeder Zug des Spachtelmessers hinterlässt einen Grat oder ein Klümpchen überschüssiger Farbe. Ihre Güstrower Landschaft hingegen bringt Blau und Grau und Weiß, Grün und Braun und Orange da und dort zum Einsatz, solange bis sich die pittoreske Schau auf einen Waldsee auftut. Doch wie unähnlich die beiden Bilder auch sein mögen, so haben sie doch mehr gemeinsam als bloß ihren Schöpfer.

Die Erforschung von Farbe und Textur erklärt zumindest zum Teil, warum sie geschaffen wurden. Der andere, wesentlichere, Teil, hat mit ästhetischer Offenheit zu tun, mit dem Willen und der Fähigkeit, die Welt auf so radikal unterschiedliche Weise zu sehen.

— Lori Waxman, 30. Juli 2012, 14.30 Uhr

A streaked, clumpy monochromatic oil painting would seem to have nothing at all to do with a brushy, windy watercolor of an East German landscape. Except, that is, for the fact that they were painted by the same person.

Bärbel Lenz-Horn’s “Weiss” could be creamy toothpaste or cake frosting applied to a canvas, it could be the most freely applied wall plaster ever. Striations run vertically and horizontally only to be smoothed over, each swipe of the palette knife leaving a ridge or glob of excess paint. Her Güstrow landscape, by contrast, applies blue and grey and white, green and brown and orange, here and there, until the picturesque view of a forested lake appears. But however dissimilar, the paintings have more than just their maker in common.

An exploration of color and texture explains at least part of how they came into existence. The other part, much more critical, has to do with aesthetic openness, with a willingness and an ability to see the world is such radically different ways.

—Lori Waxman 7/30/12 2:30 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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