60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Bernhard Kaeser

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Meistens nimmt Philosophie nicht die Gestalt einer geschlechtslosen Schaufensterpuppe aus einem Cartoon an, doch Überraschungseffekte sind nicht zu verachten.

Bernhard Kaeser präsentiert ein dreiminütiges Video mit einem grauen Menschen – ob es einer oder mehrere sind, ist nur schwer zu sagen –, der einen knallig rosafarbenen Wanderstab mit Ränzel trägt und der in einer Welt trostloser Trugbilder lebt. Beherrscht von einer fremden Macht, muss der arme Kerl im Kreis gehen, angeleint, um einen Pflock herum. Auf dem Kopf trägt er einen Vogelkäfig und die blauen Vögel, die seinen Kopf umkreisen scheinen äußerst unfreundlich zu sein – um das Mindeste zu sagen. Das tendiert zum Surrealismus und nicht zu Walt Disney. Der arme Kamerad gräbt sich dabei einen Pfand in den Erdboden, zwei Meter tief, und ertrinkt schließlich in einem Meer aus Rot. Das ist nicht gerade lustig, doch Cartoons waren schon eine ernsthafte Sache, ehe Art Spiegelman Nazis als Katzen und Juden als Mäuse zu zeichnen begann.

Doch dabei ging es um Geschichte. In einer kahlen Landschaft und mit entleerten Menschen in Szene gesetzt, schafft Kaeser eine fatalistische Sicht auf die Vergangenheit aber auch auf die Zukunft. Wen wundert’s, dass dieses Video als Loop läuft?

— Lori Waxman, 16. Juli 2012, 16.04 Uhr

Philosophy rarely comes in the form of a sexless cartoon mannequin, but surprise can be an effective part of delivery.

Bernhard Kaeser presents a three-minute video starring a featureless human—whether one or many, its hard to tell—carrying a hot pink hobo stick, who lives in a world of dismal illusion. Under alien domination, the poor sap walks in circles, tied to a stake by a leash. On his head is a birdcage, and the blue birds circling his head seem unfriendly, to say the least. That’s a nod to Surrealism, not Walt Disney. The fellow wears a path into the earth, six feet deep, and eventually drowns in a sea of red. Funny stuff this is not, but cartoons have been serious since long before Art Spiegelman drew Nazis as cats and Jews as mice.

But that was about history. Set in an empty land with blank people, Kaeser’s is a fatalist view of the past but also the present and the future. No wonder it runs on a loop.

— Lori Waxman 7/16/12 4:04 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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