60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Berthild Kroeschell

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Zuerst die Geschichte: Im 19. Jahrhundert lebte in der Gemeinde Mardorf ein Junge, der davon träumte, die Welt zu bereisen. Er schaffte es bis nach Kassel, das etwa dreißig Kilometer im Süden gelegen ist. Als er dort die Geschwindigkeit der Fuhrwerke zu Gesicht bekam, die unablässige Betriebsamkeit in den Geschäften, der Unzahl an Häusern gewahr wurde und darüber hinaus keine Möglichkeit fand, am Friedrichsplatz zu schlafen, macht er sich auf den Heimweg.

Den Ruf, den er ausstieß, als er zurück kam – „Hurra Mardorf, deutscher Boden“ – wurde mit großer Ironie aufgenommen, und die Geschichte durch die Generationen hindurch weiter gegeben. Vor kurzer Zeit wurde nun eine illustrierte Fassung dieser Geschichte von der Mardorferin Berthild Kroeschell vorgelegt. Der naiv gehaltene Stil passt ganz ausgezeichnet zu der Anekdote über einen naiven jungen Mann. Mit Spiralbindung versehen, wie das bei einem Wandkalender der Fall ist (jedoch hier ohne der Angabe irgendwelcher Tage), funktioniert die Geschichte wie ein Loop, eine Narration, die sich selbst immer und immer wieder wiederholt, genauso wie junge Menschen mit offenen Geist die Welt sich träumen und sich ihr dann gegenüber sehen. In Kroeschells Fassung jedoch tauchen auch neue Elemente auf.

Die Geschichte wird nicht nur in deutscher, sondern auch in türkischer, russischer, niederländischer und polnischer Sprache erzählt, jeweils übersetzt von vier Bewohnern des heutigen Mardorf, die anderswo geboren wurden. Man fragt sich, was diese sich bei einer solchen Geschichte dachten.

— Lori Waxman, 10. September 2012, XXX Uhr

First, the story: In the village of Mardorf, in the 19th century, there lived a boy who dreamed of traveling the world. He made it as far as Kassel, some 30 km to the south, whereupon the speed of the carriages, incessant commerce of the stores, immensity of the houses, and inability to sleep in Friedrichsplatz caused him to head home.

His return shout of “Hurra Mardorf, Deutscher Boden” was received with great irony, and the tale has been passed down by the generations. An illustrated version was recently produced by Mardorfer Berthild Kroeschell, in a naïf style perfectly suited to an anecdote about a naïf young man. Spiral-bound, like a wall calendar (but without any days), the story functions on a loop, a narrative that will repeat itself again and again, as young people with open minds dream the world and then confront it. In Kroeschell’s version, however, a new element appears.

The tale is told not just in German but also in Turkish, Russian, Dutch and Polish, translated by four foreign-born inhabitants of present-day Mardorf. One wonders what they themselves think of such a tale.

- Lori Waxman, 10/9/12, 1.30 pm

 

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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