60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Bertold Schmidt

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

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Nichts ist trauriger als der Anblick eines einzelnen Schuhs, Bertold Schmidt aber hat sechs davon auf der Straße gefunden, sie mit Stroh ausgestopft und in Löchern platziert, die er in eine alte Holztür geschnitten hat. Er nennt das Ganze „A Foot in the Door“ [„Ein Fuß in der Tür“].

Diese bruchstückartige Illustration einer geläufigen Redewendung wird durch das Stroh, mit dem die Schuhe ausgestopft sind, in eine andere Richtung gelenkt, denn hier wird einerseits auf die opportunistische Möglichkeit angespielt, aus Stroh Gold zu machen, zum anderen werden dadurch aber auch Vogelscheuchen und andere Strohmänner evoziert.

Für „Inhibited“ [„Gehemmt“] brachte Schmidt drei rostige Fahrradgepäckträger auf einen staubigen und beschädigten, hölzernen Kopfende eines Bettes an, packte einen Jutesack zwischen zwei von ihnen und klemmte einen weiteren, auch dieser wieder gefüllt mit Stroh, an den dritten.

Anders als „A Foot in the Door“ scheint „Inhibited“ keine unmittelbare Verbindung zu seinem Titel zu unterhalten, doch an diese Stelle rücken nun Geheimnis und formales Interesse, die Schärfe des Verhältnisses von Fülle und Leere, die Seltsamkeit, wenn bewegliche Dinge zum Stillstand kommen und die Magie ausrangierter Objekte, die zu neuem Leben erwachen.

— Lori Waxman, 6. August 2012, 15.16 Uhr

Nothing is sorrier than the sight of a single shoe, but Bertold Schmidt, having found a half dozen on the street, stuffed them with straw, placed them in holes cut into an old door, and called the whole thing “A Foot in the Door.”

This scrappy illustration of the familiar saying gets a twist from the straw stuffing, which is meant to connote the opportunistic transformation of straw into gold, but which also conjures scarecrows and other straw men. F

or “Inhibited,” Schmidt mounted three rusty bicycle luggage racks on a dusty, broken wooden headboard, squashed a burlap sack between two, and another in the third, this last filled again with hay.

Unlike “A Foot in the Door,” “Inhibited” seems to lack a direct connection to its title, but in its place stands mystery and formal interest, the poignancy of fullness versus emptiness, the strangeness of moving things come to rest, and the magic of discarded objects finding new life.

—Lori Waxman 8/6/12 3:16 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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