60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Bettina Fährmann

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

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Ganz unabhängig davon, was gewisse verklemmte Professoren meinen mögen, ist es keineswegs eine Schande, gleichzeitig in mehreren Stilen zu arbeiten. Nicht zuletzt Picasso hat dies getan.

Das macht auch Bettina Fährmann, wenn sie vier Interpretationen einer Rembrandtradierung, die einen Engel zeigt, der Jesus im Garten Gethsemane stützend umfangen hält, präsentiert. Die erste ist auch die kleinste, eine sorgfältig beschnittene Impression in Gold und Schwarz dieser beiden Figuren, betrachtet aus unmittelbarer Nähe. Das könnten zwei Krieger sein, die miteinander kämpfen, so sehr ist ihr Zusammenwirken unkenntlich gemacht.

Die zweite Interpretation hält sich am ehesten ans Original, doch der tintige, schwarz- und weiss-kreidige Hintergrund der Szenerie bei Fährmann lässt die Luft unheilschwanger wirken. Bei einer dritten werden dann Farben und Winkel eingebracht, ein hartes Gelb teilt alles in doppeldeutige Dreiecke. Und im vierten und letzten Bild füllt der Engel die staubige, rosenfarbene Tafel mit expressiven schwarzen Kurven aus, so dass Jesus ganz in seiner Umarmung verschwindet und aufgeht. Jeder Stil und jede Ansicht z

eigen diese Geschichte hier unter einem neuen Gesichtspunkt. Welcher am besten zu dieser speziellen biblischen Geschichte passt, hängt, wie alles in der Bibel, von der Interpretation ab.

— Lori Waxman, 8. August 2012, 16.00 Uhr

There’s no shame in painting multiple styles at once, despite what certain uptight art professors might think. Picasso did it, after all.

And so too does Bettina Fährmann, offering four interpretations of a Rembrandt etching of an angel holding Jesus in the Garden of Gethsemane. The first picture is the smallest, a tightly cropped gold and black impression of the two figures seen close-up. They could be warriors engaged in combat, so obscured is their interaction.

The second hews most closely to the original, but the inky, chalky black and white of Fährmann’s scene renders the air doomed. A third introduces color and angles, harsh yellow triangulating everything ambiguously. In the fourth and final picture, the angel fills a dusty rose tableau with expressive black curves and Jesus all but disappears into his embrace.

Each style, each perspective, presents the story uniquely. Which one best suits this particular Biblical tale depends, as it always does with the Bible, on interpretation.

—Lori Waxman 8/8/12 4:00 PM

 

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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