60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Birgit Schübelin

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

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Künstler können recht gut denken und sind ganz großartig in Sachen Gefühl, geht es jedoch um Sport, dann sind sie ziemlich lausig. Das ist ein Klischee, doch letzten Endes erklärt es den Mangel an Kunst, welche physiologische Aktionen repräsentiert.

Doch nun hat Birgit Schübelin ihren Auftritt. Auf ihrem Rennrad; erst kürzlich einen Radmarathon hinter sich gebracht. Die Künstlerin trägt ein Polar-Trainingsmessgerät um ihren Brustkorb geschnallt, das ihren Herzschlag während Aktivitäten misst. Diese reichen vom Schlafen über das Betrachten einer Tanzperformance bis hin zum Befahren eines Berges mit dem Fahrrad.

Diese Daten bilden die Grundlage für eine Bleistiftzeichnung, sternförmig angelegt, mit Linien, die auf ein Zentrum zulaufen, und deren Bereiche den Schlägen pro Minute korrespondieren. Die sich wiederholenden Markierungen, lassen das Ganze zu einer Übung für sich werden. Die längsten sind so groß wie Schübelin selbst. Sie sind so immens, dass sie mit einer Kraft ausbrechen, die derjenigen analog ist, die der Körper aufbringt, um eine entsprechende Handlung zu setzen.

Man hätte die Zeichnungen horizontal ausdrucken können, gleich einem Graphen, doch stattdessen sind sie kreisförmig angeordnet, vermischen das Messbare mit dem Nichtmessbaren. Sie erzeugen eine Körperrepräsentation, die zum einen auf harten Messdaten beruht und zum anderen, wie alle Kunst, auf deren unbeschreiblicher Interpretation.

— Lori Waxman, 30. Juli 2012, 14.00 Uhr

 

Artists are good at thinking and great at feeling but lousy at sports. It’s a cliché, but at least it explains the lack of art concerned with representing the physiological in action.

Enter Birgit Schübelin, on her road bike, having recently completed a cycling marathon. The artist wears a polar training computer around her rib cage in order to measure her heartbeat during activities ranging from sleeping to watching a dance performance to cycling up a mountain.

This data forms the basis for starburst pencil drawings whose radius corresponds to beats per minute and whose repetitive mark making is an exercise in itself. The largest are as tall as Schübelin; in their immensity, they burst with a force analogous to the amount of energy exerted by the body in the corresponding activity.

The drawings could have been horizontally plotted like a graph but instead are round, mixing the measurable with the immeasurable, creating a representation of the body that is at once based in hard data and, like all art, its ineffable interpretation.

—Lori Waxman 7/30/12 2:00 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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