60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Charlotte Schütz

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Ein Nest ist ein Heim, das ein Vogel für sich und seinen Nachwuchs baut. Diese Schutz bietende Heimstatt wird aus allen möglichen Materialien hergestellt, die sich in der natürlichen Umgebung finden lassen. Borsten von Wildschweinen, Fellhaare von Rotwild, Moos und Federn formen eine überraschend dichte und sichere Behausung.

Das sind also die Bestandteile eines Blaumeisennestes, das zwar mit künstlerischer Meisterschaft hergestellt wurde, doch die Blaumeise hat sich gewiss nicht träumen lassen, ihr Nest in einer Ausstellung von Charlotte Schütz wieder zu finden. Doch dort war es in guter Gesellschaft, denn es stand neben Schlafstellen, die von Schütz entworfen wurden und die aus Glassplittern, abgebrannten Streichhölzern, Kaffeerührstäbchen, Notfallrufnummern, rostigen Nägeln und Stacheldraht gefertigt wurden. Lässt man die Rührstäbchen beiseite, so stellt sich die Frage, welches Wesen in aller Welt wohl gerne bei solchen Materialien Unterschlupf finden wollte?

Ein Ei, das mit Sand bedeckt ist, sieht aus wie ein Stein, ein Stein sieht aus wie ein Ei, ein Ei ist mit Blattgold überzogen – Objekte, deren Oberflächen ihre wahre Identität verbergen. Doch auf welche Zufluchtstätte könnten sie denn hoffen? Wir können unser Heim – genauso wie unser Leben auch – nicht immer mit den besten Materialien aufbauen. Einige Nester müssen verlassen werden, doch selbst das schädlichste Zeug kann oftmals Refugium werden.

— Lori Waxman, 20. August 2012, 14.37 Uhr

A nest is a home that a bird builds for itself and its young. It constructs this shelter out of whatever materials in can find in its environment, weaving wild pig and deer hair, moss and feathers together into a surprisingly dense, safe home.

Those are the components of a blue titmouse nest, which although crafted with the highest level of artistry certainly did not expect to find itself in an exhibition by Charlotte Schütz. But there it was in good company, set alongside roosts of Schütz’s own design, crafted from shards of glass, used matchsticks, coffee stirrers, emergency phone numbers, rusty nails and barbed wire. Coffee sticks aside, what kind of creature could possibly find refuge in such materials?

An egg covered in sand to look like a stone, a stone that looks like an egg, an egg covered with gold leaf—objects whose surfaces disguise their true identities. But what kind of sanctuary could they possibly hope for? We cannot always build our homes—or our lives—out of the most ideal materials. Some nests must be abandoned, but even the most injurious stuff can often provide a refuge.

—Lori Waxman 8/20/12 2:37 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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